„Steh auf deiner eigenen Achse.“ Diesen Satz habe ich als Anfänger hundertmal gehört und brav genickt, ohne ihn zu verstehen. Ich stand doch. Auf zwei Beinen. Was sollte daran so schwer sein. Heute weiß ich, dass zwischen irgendwie stehen und wirklich auf der eigenen Achse stehen ein ganzer Weg liegt.
Die unsichtbare Wand
Ich war damals eher schüchtern, und das saß mir im Körper. Ich hielt Abstand. Zwischen mir und meinem Gegenüber blieb immer ein kleiner Sicherheitsraum, gerade so viel, dass es nicht zu nah wurde. Für mich fühlte sich das nach Höflichkeit an, nach Rücksicht sogar. Ich dachte, ich täte meiner Partnerin einen Gefallen, indem ich ihr nicht zu nahe rückte.
Meine Tanzpartnerinnen erlebten es anders. Eine sagte mir irgendwann freundlich, sie hätte gern gespürt, wo ich eigentlich bin. Der Satz saß, weil er stimmte. Ich hatte geglaubt, ich sei zurückhaltend aus Respekt, dabei hatte ich mich versteckt. Meine Vorsicht war für mein Gegenüber eine unsichtbare Wand, über die die Verbindung nur mühsam hinüberkam.
Der Körper als Gefüge aus Spiralen
Was mir geholfen hat, kam über den Körper und nicht über gute Vorsätze. Ich arbeite viel mit der Spiraldynamik®, einem Bewegungskonzept, das den Körper als ein Gefüge aus ineinander verschlungenen Spiralen versteht. Die Achse ist darin kein starrer Stab, den man einrastet, sondern etwas Lebendiges. Sie richtet sich vom Fuß über das Becken bis zum Scheitel auf, spiralig, aus der eigenen Struktur heraus.
Das Praktische daran ist, dass diese Aufrichtung mit weniger Kraft auskommt, je besser sie sitzt. Ich stehe dann nicht mehr angestrengt fest, sondern ruhe in mir. Der Körper trägt sich selbst, wenn seine Teile sinnvoll übereinanderstehen, und was frei wird, ist die Energie, die vorher im Festhalten steckte. Das hat mich überrascht, weil ich Haltung lange mit Anspannung gleichgesetzt hatte.
Der Weg aus der Distanz
Und genau diese Aufrichtung war mein Weg aus der Distanz heraus. Solange ich mich klein gemacht und zurückgezogen habe, blieb ich hinter meiner Wand. Als ich anfing, mich aus dem Körper heraus wirklich aufzurichten, stand ich präsenter da, und der Sicherheitsabstand wurde überflüssig.
Ich brauchte ihn nicht mehr, weil die Sicherheit jetzt von innen kam. Das ist der Kern dessen, was ich auf der Tanzfläche gelernt habe: Wer in sich selbst ruht, kann Nähe zulassen, ohne sich bedroht zu fühlen. Ich musste nicht mutiger werden, um die Distanz aufzugeben. Ich musste lernen, mich selbst zu tragen.
Warum Balance wackelt
Ich habe dabei auch verstehen müssen, dass Stehen nicht Stillstehen heißt. Lange dachte ich, gutes Gleichgewicht bedeute, ganz ruhig und fest zu stehen. Also stand ich fest, so fest, dass ich mich kaum bewegen konnte, und wunderte mich, warum sich mein Tanzen so hölzern anfühlte.
Echte Balance wackelt aber. Wer auf einem Bein steht, gleicht ständig winzig aus, korrigiert, atmet. Dieses feine, unaufhörliche Spiel ist die Balance, und nicht das Einfrieren. Seit ich das begriffen habe und mir das Wackeln erlaube, stehe ich sicherer als in den Jahren, in denen ich versucht habe, mich festzuhalten.
Im Unterricht
Im Unterricht ist das heute einer meiner liebsten Momente. Wenn jemand vor mir steht und sich krampfhaft festmacht, weil er glaubt, das sei Haltung, lade ich ihn ein, das leichte Zittern zuzulassen, dieses feine Suchen nach der Mitte. Oft entspannt sich in diesem Augenblick etwas, und zwar im Standbein und im Gesicht zugleich.
Ich erzähle dann manchmal von dem schüchternen Menschen, der ich einmal war und der lieber Abstand hielt. Weniger als Lehrbeispiel, mehr weil es ehrlich ist. Die meisten erkennen etwas von sich darin, und das nimmt dem Ganzen die Strenge. Wir suchen die Achse dann gemeinsam, und niemand muss sie auf Anhieb finden.
Ein Satz, der hängengeblieben ist
Ein Satz ist mir über die Zeit wichtig geworden. Je sicherer ich in mir selbst ruhe, desto mehr Nähe kann ich zulassen. Das habe ich nicht in einem Buch gelesen und mir dann vorgenommen, ich habe es zuerst mit den Füßen begriffen, auf der Tanzfläche, bevor mein Kopf es fassen konnte.
Vielleicht ist das der Grund, warum mir am Tango das Körperliche so wichtig ist. Er bringt einem manche Dinge über den Körper bei, und dort bleiben sie besser haften als in jedem klugen Vorsatz.
Weiterführende Quellen und Inspiration
Zur Aufrichtung aus der Körpermitte und zum Verständnis des Körpers als Gefüge aus Spiralen: die Spiraldynamik®, ein anatomisch fundiertes Bewegungskonzept, das zeigt, wie Haltung mit weniger Kraft und mehr innerer Ordnung gelingt. Mehr dazu auf spiraldynamik.com.
Zur lebendigen Balance und zum feinen Ausgleichen im Stand: die Feldenkrais-Methode, die über kleine, achtsame Bewegungen erfahrbar macht, wie Stabilität aus Beweglichkeit entsteht statt aus Festhalten.
