Ergebnisse der Umfrage: Was bedeutet eigentlich „gut Tango tanzen“?

49 Tangotänzerinnen und Tangotänzer haben in einer anonymen Umfrage beschrieben, was für sie einen guten Tango ausmacht. Ihre Antworten erzählen von Verbindung und Musikalität, von Technik und Wahrnehmung, aber vor allem davon, was zwischen zwei Menschen entstehen kann.

„… als hätte zwar jeder seine Achse, und wir beide teilten uns einen Körper.“
(Eine Teilnehmerin der Umfrage)


Wann ist ein Tango eigentlich gut?

Ist es die Technik? Eine klare Führung? Musikalität? Bewegungsqualität? Verbindung?

Mich beschäftigt diese Frage schon länger. Natürlich habe ich darauf meine eigenen Antworten. Aber genau die wollte ich für einen Moment zurückstellen. Ich wollte wissen:

Wie erleben andere Tangotänzer einen wirklich guten Tango?

Daraus entstand eine anonyme Umfrage, an der 49 Menschen mit ganz unterschiedlicher Tangoerfahrung teilgenommen haben.

Ich habe gefragt, wann sie ihr Gegenüber als guten Tänzer erleben. Wann sie selbst das Gefühl haben, gut zu tanzen. Welche Qualitäten ihnen besonders wichtig sind. Und ob „gut tanzen“ im traditionellen und im Neo Tango für sie dasselbe bedeutet. Zunächst geht es deshalb ausschließlich um diese 49 Perspektiven.

1. Wer hat an der Umfrage teilgenommen?

Die Umfrage fand im September 2026 statt. Zwei offene Fragen standen am Anfang:

„Mein Tanzpartner / meine Tanzpartnerin tanzt gut Tango, wenn …“
und
„Ich selbst tanze gut Tango, wenn …“

Danach konnten die Teilnehmenden aus fünf von mir vorgegebenen Qualitäten höchstens zwei auswählen:

Verbindung: der wortlose Dialog, aufeinander eingehen, Führen und Folgen als gemeinsames Miteinander.
Musikalität: die Musik hören, verstehen und gemeinsam in Bewegung übersetzen.
Wahrnehmung: im Moment sein, sich selbst und das Gegenüber spüren und wahrnehmen, was gerade entsteht.
Bewegung: Achse, Gehen, Balance und natürlicher Bewegungsfluss durch den ganzen Körper.
Ausdruck: persönliche und emotionale Gestaltung, die Geschichte, die der eigene Tanz erzählt.

Zusätzlich konnten fehlende Qualitäten ergänzt werden. Gefragt wurde außerdem nach Tangoerfahrung, Tanzrolle, der persönlichen Gewichtung von Neo und traditionellem Tango sowie nach möglichen Unterschieden zwischen beiden.

Dabei ist eine Einschränkung wichtig: Die fünf Qualitäten waren von mir vorgegeben. Und wer maximal zwei auswählen darf, muss priorisieren.

Die Ergebnisse sind deshalb keine allgemeingültige Rangliste dessen, was guten Tango ausmacht. Sie zeigen, was diese 49 Menschen innerhalb dieser Auswahl besonders häufig priorisiert haben.

Alle Zitate in diesem Artikel stammen aus den freien Antworten. Sie sind anonymisiert und nur orthografisch behutsam angepasst; englische Antworten habe ich übersetzt.

Wer sind diese 49 Menschen?

32 von 49 Teilnehmenden tanzen seit mindestens acht Jahren Tango, 23 sogar seit mindestens 13 Jahren. Die Antworten stammen damit überwiegend von Menschen mit langjähriger Tangoerfahrung. Aber auch Einsteiger sind vertreten: 8 Personen tanzen seit ein bis drei Jahren.

GRAFIK 1 – Tangoerfahrung

In welchen Rollen sie tanzen

Bei den Tanzrollen ist die Verteilung weniger ausgeglichen: 29 Personen tanzen überwiegend folgend, 11 überwiegend führend und 9 beide Rollen. Auch das gehört zur Einordnung. Insbesondere Aussagen, die mit Führen und Folgen zusammenhängen, dürfen deshalb nicht so gelesen werden, als seien beide Perspektiven in gleicher Stärke vertreten.

GRAFIK 2 – Tanzrollen

Aus welchen Ländern die Antworten kommen

Die Antworten stammen überwiegend aus Deutschland, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Berlin und Brandenburg. Hinzu kommen je zwei Antworten aus Österreich und aus Polen. Die Umfrage ist damit weder geografisch repräsentativ noch eine internationale Vergleichsstudie. Sie ist etwas anderes: ein Einblick in 49 persönliche Tangoerfahrungen.

GRAFIK 3 – Herkunft der Teilnehmenden

Welchen Tango – Traditionell oder Neo Tango?

Auch hinsichtlich Neo und traditionellem Tango ist die Gruppe gemischt: 22 Personen tanzen ungefähr 50/50, 18 überwiegend oder fast ausschließlich traditionell und 9 überwiegend oder fast ausschließlich Neo.

GRAFIK 4 – Tango-Präferenz

2. Was macht für diese 49 Menschen einen guten Tango aus?

Die Teilnehmenden durften maximal zwei der fünf vorgegebenen Qualitäten auswählen. Zwei Qualitäten stehen ganz oben.

Musikalität: 34 von 49 – 69 %
Verbindung: 33 von 49 – 67 %
Wahrnehmung: 20 von 49 – 41 %
Bewegung: 6 von 49 – 12 %
Ausdruck: 4 von 49 – 8 %

Musikalität und Verbindung wurden mit deutlichem Abstand am häufigsten ausgewählt.

Man könnte daraus vorschnell schließen: „Technik und Bewegung sind den Befragten weniger wichtig.“ Doch das geben die Daten nicht her. Wer nur zwei von fünf Qualitäten wählen darf, muss auch Dinge weglassen, die ihm wichtig sind. Die Aussage ist deshalb viel enger: Wenn diese 49 Menschen priorisieren müssen, entscheiden sich besonders viele für Musikalität und Verbindung.

GRAFIK 5 – Wichtigste Qualitäten

Musik statt Figuren

Was Musikalität bedeutet, beschreiben mehrere über ein Gegenbild: das Abspulen von Figuren. Ein gutes Gegenüber ist für eine Tänzerin jemand, der „die Musik interpretiert, ohne bombastische Figuren“. Eine andere Antwort wird noch deutlicher: „Figuren geben Würze, aber auch einfaches Gehen, Pausen, Akzente […] erschaffen ein fortgeschrittenes Tanzgefühl.“

Entscheidend sei: „Zuhören und zwischen den 3 Ebenen der Musik wechseln, nicht stur gelernte Abfolgen abspulen.“

Eine Tanguera findet dafür ein eindrückliches Bild. Sie wünscht sich Tänzer, die sich nicht im „goldenen Käfig des Tango“ einschließen, sondern spontan auf das reagieren, was im Moment entsteht. Und eine andere Teilnehmerin ergänzt meine Definition um einen feinen, aber wichtigen Punkt: Es gehe darum, die Musik zu fühlen, „nicht zu verstehen“.

Wann tanzt mein Gegenüber gut?

Hier tauchen viele Beschreibungen auf:

zuhören, aufeinander eingehen, die Musik wahrnehmen, klar kommunizieren, Raum lassen, präsent sein, Sicherheit geben, Vertrauen ermöglichen, spontan reagieren und gemeinsam improvisieren.

Manchmal genügt dafür ein einziger Satz. Eine Tänzerin schreibt schlicht, ihr Partner tanzt gut, wenn „er mit mir tanzt, d. h. achtsam“. Eine andere, wenn „ich mitgenommen werde in meinem Tempo und mit meinen Fähigkeiten, gesehen, gefühlt und gewertschätzt“.
Eine Einsteigerin schätzt es, wenn ihr Gegenüber ihr „die Sicherheit vermittelt, dass ich ihn/sie verstehen werde“.

Eine andere Antwort geht noch weiter: „Tänzerisches Level ist da sogar egal.“ Und manchmal reicht ein einziges Wort: „Gelassenheit.“

Ein erfahrener Führender schätzt es, wenn „die Kommunikation dominiert, egal, was man macht, und man getrost den Kopf ausschalten kann, weil man spürt, dass die Partnerin fühlt, was man möchte“.

Eine Antwort bringt es auf den Punkt: „… wenn wir uns ergänzen.“
Eine Folgende schreibt, der Zauber beginne, „wenn Tango zum Dialog wird statt zum Monolog“. Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben. Denn damit verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur:
Was kann dieser Mensch?
Sondern:
Was kann zwischen uns entstehen?

GRAFIK 6 – Mein Gegenüber tanzt gut, wenn …

Führen und Folgen oder gemeinsam gestalten?

Besonders interessant fand ich einige Antworten von Folgenden. Gutes Tanzen bedeutet dort keineswegs nur, eine Führung möglichst gut auszuführen. Es geht auch darum, Zeit und Raum für die eigene Bewegung zu bekommen, die Musik selbst interpretieren zu können, eigene Impulse einzubringen und gemeinsam zu improvisieren.

Eine Tänzerin schätzt es, wenn ihr Partner „darauf achtet, dass ich Zeit habe, auch meine Interpretation der Musik zu genießen“. Eine andere wünscht sich offene Kommunikation, Neugier auf den anderen Menschen und Offenheit für Improvisation, ausdrücklich auch für die folgende Person. Sie selbst tanze gut, wenn der Führende sie „zu seinem eigenen Tanz einlädt, nicht nur führt“.

Interessanterweise beschreiben auch Führende das so. Einer tanzt gut, „wenn ich der Partnerin Raum lassen kann“. Ein anderer schätzt es sehr bildhaft, wenn sein Gegenüber „sich in den Impulsen, die ich gebe, ausdehnt und sie so weder blockiert noch vor ihnen weghuscht“.

Eine Tänzerin beschreibt, was dann entstehen kann: „Wir werden wie Frage und Antwort – mit Aufmerksamkeit, Neugier, Respekt und hundertprozentigem Einsatz.“ Aus Führen und Folgen wird dann etwas, das über eine lineare Übertragung von Information hinausgeht:

Impuls und Reaktion.
Frage und Antwort.
Zuhören und Antworten.


Und schließlich: gemeinsames Gestalten.

Und wann erleben wir uns selbst als gute Tänzer?

Hier ist mir beim Lesen der Antworten etwas aufgefallen. Wenn wir beschreiben, wann das Gegenüber gut tanzt, sprechen wir meist darüber, was dieser Mensch tut:

Hört zu. Geht auf mich ein. Gibt Sicherheit. Lässt Raum. Nimmt die Musik wahr.

Wenn wir dagegen beschreiben, wann wir selbst gut tanzen, verändert sich die Sprache. Plötzlich geht es auffällig oft um Zustände.

Eine Tänzerin tanzt gut, wenn sie „entspannt“ ist. Ein Tänzer, „wenn ich aufhöre, über das Tanzen nachzudenken“. Eine andere, „wenn ich aufhöre zu denken und nur noch die Verbindung spüre“. Ein Führender, „wenn ich beim Tanzen loslassen kann und mich nur noch um die Verbindung und die Musik kümmere“. Und ganz schlicht: wenn „ich selbst gut drauf bin“.

Ein anderer Führender beschreibt den Moment, in dem er und seine Führung aus seinem Bewusstsein verschwinden und er den Bewegungen seines Gegenübers „zuhören kann, als wären sie Teil der Musik“.

Eine weitere Tänzerin tanzt gut, wenn sie vertrauen kann und „nicht perfekt sein muss“. Eine andere, wenn sie sich traut, „zu spielen oder zu bremsen“. Und eine Tanguera aus Polen, wenn sie alles um sich herum vergisst und ihre Gefühle durch den Körper ausdrückt.

Nicht alle Antworten folgen diesem Muster. Manche beschreiben auch sich selbst über das, was sie tun. Ein Führender tanzt gut, wenn er die Musik gut interpretiert, einfühlsam führt und die Bewegungen der Folgenden „ohne ‚zerren und ruckeln‘“ fortführt, und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Wenn ich – gelegentlich – folge, tanze ich nicht gut.“

Insgesamt ist die Tendenz aber deutlich: Etwa die Hälfte der Antworten beschreibt das eigene gute Tanzen vor allem über einen Zustand oder die Bedingungen, unter denen es entsteht. Nur rund ein Viertel beschreibt vor allem das eigene Tun, die übrigen verbinden beides.

Beim Gegenüber dagegen stehen überwiegend Handlungen und Eigenschaften im Vordergrund.
Das ist eine grobe Einordnung und keine wissenschaftliche Auswertung. Und sie hat vielleicht auch mit meinen Fragen zu tun: Beim Gegenüber habe ich gefragt, was ihr schätzt, bei euch selbst, woran ihr merkt, dass ihr gut tanzt.

Und ich finde den Unterschied spannend:

Vielleicht nehmen wir beim anderen vor allem wahr, was jemand tut.
Und bei uns selbst vor allem, wie sich der Tanz anfühlt.

Eine Antwort bringt beide Seiten auf denselben Nenner. Das Gegenüber tanzt gut, wenn es „zuhören kann“. Und die Person selbst, wenn sie ihrem Partner oder ihrer Partnerin „zuhören kann“.

Daraus entsteht bereits die nächste Frage: Was braucht es eigentlich, damit wir beim Tanzen in einen solchen Zustand kommen können?

GRAFIK 7 – Ich selbst tanze gut, wenn …

Und wo bleibt die Technik?

Sie ist durchaus vorhanden. Achse, Balance, Beweglichkeit, Körperspannung, klare Führung, Rhythmus und sichere Bewegung werden in den freien Antworten genannt. Deshalb wäre es falsch, aus den lediglich sechs Stimmen für „Bewegung“ abzuleiten, dass technische Fähigkeiten nebensächlich seien.

Ein Führender beschreibt Qualität sehr präzise: wenn die Partnerin seinen Impulsen „ansatzlos“ folgt, „ohne fühlbares Zögern des gemeinsamen Körpers“. Und eine Einsteigerin nennt ganz ehrlich, was ihr Sicherheit gibt: eine gute Körperspannung und eine Musik, die „in ihrem Rhythmus vorhersehbar ist“.

Manchmal wird Technik dabei nicht als Leistung beschrieben, sondern als Grundlage für Freiheit. Eine Tänzerin tanzt gut, wenn sie „in meiner stabilen Achse dennoch flexibel“ ist. Eine andere schätzt es, wenn ihre Achse „sogar geschützt wird“ und sie in diese „zurückgebracht werde, falls ich sie mal verliere“.

Eine andere Lesart erscheint mir deshalb plausibler:
Technik kann eine Voraussetzung sein, ohne für die Befragten das eigentliche Erlebnis eines guten Tanzes zu beschreiben.

Wenn ich meine Achse nicht ständig suchen muss, wenn Bewegung selbstverständlich wird und ich mich sicher fühle, wird Aufmerksamkeit frei. Für die Musik. Für mein Gegenüber. Und für das, was gerade entsteht.

Und wenn mal etwas nicht klappt?

Ein kleineres Motiv in den Antworten hat mir besonders gefallen. Nicht immer klappt alles, und genau darüber wurde auffällig liebevoll geschrieben.

Eine Tänzerin tanzt gut, wenn sie merkt, dass beide „auch Missverständnisse produktiv in gemeinsame Schritte verwandeln können“. Eine andere, wenn sie „Stolperer oder Unsicherheiten beim Gegenüber abfangen“ kann. Und eine dritte schätzt es, wenn beide „über Unstimmigkeiten schmunzeln können“.

Vielleicht zeigt sich tänzerische Qualität deshalb nicht nur darin, möglichst keine Fehler zu machen. Sondern auch darin, wie zwei Menschen miteinander umgehen, wenn gerade etwas nicht funktioniert.

Was fehlte in meinen fünf Kategorien?

Darauf gab es einige Antworten: Vertrauen, Respekt, Flexibilität, Zugewandtheit, Augenhöhe, Selbstbewusstsein, Freude, Humor, Sympathie, Chemie, Umarmung und soziale Kompetenz.
Und ja, sogar ein angenehmer Geruch wurde genannt.

Manche Ergänzungen sind bemerkenswert. Vertrauen bedeute „die Bereitschaft, sich wirklich auf den anderen einzulassen, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig Kontrolle abzugeben“. Respekt fasst eine Antwort in wenigen Worten zusammen: „Respekt – in Nähe und Distanz.“

Und eine andere wird deutlich: Zum Tango gehöre auch das „Drumherum“, nämlich „Kommunikation auf Augenhöhe, keine Dominanz“. Wo das fehlt, gilt für sie: „Mit solchen Menschen tanze ich nur einmal.“

Andere sind eher augenzwinkernd: „Am liebsten hätte ich die Punkte 1 bis 4 direkt angekreuzt.“ Und auf die Frage, ob eine wesentliche Qualität fehle, antwortete jemand: „Beim Tanzen? Bestimmt. In der Umfrage nicht :)“

Gerade diese Ergänzungen sind für mich wichtig. Denn sie zeigen die Grenze meiner ursprünglichen fünf Kategorien:

Menschen erleben einen guten Tango komplexer, als es ein Fragebogen vollständig abbilden kann.

GRAFIK 8 – Weitere genannte Qualitäten

Traditionell und Neo Tango – ist „gut“ dasselbe?

Auch danach habe ich gefragt. Und hier wird das Bild deutlich weniger eindeutig.
Die offenen Antworten zeigen drei unterschiedliche Sichtweisen: Ein Teil der Befragten sieht keinen grundsätzlichen Unterschied darin, was einen guten traditionellen oder einen guten Neo Tango ausmacht.

Andere erkennen ähnliche grundlegende Qualitäten, erleben aber unterschiedliche Möglichkeiten, diese auszudrücken. Wieder andere beschreiben deutliche Unterschiede zwischen beiden.

Was wird unterschiedlich beschrieben?

In einzelnen Antworten wird traditioneller Tango beispielsweise stärker mit engerer Umarmung, Ronda und begrenztem Bewegungsraum, Klarheit, Rhythmus oder einer stärker nach innen gerichteten Aufmerksamkeit verbunden.

Neo Tango wird dagegen häufiger mit größerem Bewegungsraum, Kreativität, Experimentieren, Improvisation und eigenen Impulsen beschrieben. Ein Tänzer formuliert es so: „Traditioneller Tango in der engen Umarmung ist für mich ein nach innen gerichteter Ausdruck, Neotango ist nach außen gerichtet.“ Eine andere Antwort fasst es noch kürzer: „Beim traditionellen Tango ist eher die Disziplin gefragt, beim Neotango die Emotion.“

Eine Tanguera hat dafür eine interessante Erklärung. Alternative Musik lasse Gefühle freier fließen, „vielleicht weil diese Musik in unserem Leben viel präsenter war“. Wenn sie die Tanzenden wirklich ergreife, sehe man auf der Tanzfläche „wunderschöne Geschichten: emotionale Höhepunkte, Lachen und sogar Tränen“.

Diese Unterschiede bedeuten allerdings nicht, dass sich daraus zwei klar voneinander abgrenzbare Formen von „gutem Tango“ ableiten lassen.

Denn auch die Gegenpositionen gehören zum Ergebnis. Einige Befragte lehnen eine klare Trennung weitgehend ab. Einzelne verbinden traditionellen Tango stärker mit technischer Präzision, Erfahrung und einem differenzierten Hören der Musik, während sie Neo stärker mit Freiheit, Entspannung, Genuss oder Experimentieren verbinden.

Eine Antwort sieht gerade in den erweiterten Bewegungsmöglichkeiten des Neo zusätzliche technische Anforderungen. Ein erfahrener Führender gibt offen zu: „Beim Neo fällt es mir schwerer, Musik, Verbindung und Bewegung zu halten.“ Und einer hält dagegen: „Größere Bewegungsmöglichkeiten machen den Tango für mich nicht automatisch besser.“

Gerade diese unterschiedlichen Sichtweisen finde ich interessant. Sie zeigen, wie stark die Wahrnehmung von traditionellem und Neo Tango von den eigenen Erfahrungen geprägt sein kann. Eine Antwort fasst diese Vielfalt in einem Satz zusammen: „Für mich nicht – für viele andere Personen schon.“

Was sich sagen lässt: Viele grundlegende Qualitäten überschneiden sich. Wie diese Qualitäten erlebt, gewichtet und ausgedrückt werden, kann sich jedoch unterscheiden.

GRAFIK 9 – Beschriebene Unterschiede

3. Meine Auswertung: Was lässt sich aus den Antworten mitnehmen?

Es gibt keine allgemeingültige Definition von „gut Tango tanzen“. Trotzdem ziehen sich einige Linien durch die Antworten.

Musikalität und Verbindung werden besonders häufig priorisiert. Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle. Technik und Bewegungsqualität tauchen in den freien Antworten stärker auf, als es die reine Auswahlfrage vermuten lässt.

Und daneben erscheinen Qualitäten, die sich kaum in Zentimetern, Winkeln oder korrekten Schritten messen lassen:
Vertrauen. Aufmerksamkeit. Raum geben. Sicherheit. Loslassen. Humor. Neugier. Gemeinsam auf etwas Unerwartetes reagieren.

Außerdem findet ein Tango nie im luftleeren Raum statt. Auch das zeigen die Antworten. Genannt werden die eigene Stimmung, der Raum, die Musik des Abends, die Ronda und die soziale Kompetenz, andere Paare nicht anzutanzen. Eine Tänzerin zählt zur Verbindung ausdrücklich nicht nur Partner und Musik, sondern auch Boden und Gruppe.

Und eine andere tanzt gut, „wenn der Kopf frei ist, der Boden passt, ich bequemes Schuhwerk anhabe, ich mit dem Partner ‚on the same page‘ bin, wenn mir gefällt, wie der Partner riecht“.
Ein guter Tanz entsteht also nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern auch in einem Umfeld, das ihn möglich macht.

Aus meiner Sicht ergibt sich daraus ein interessantes Gesamtbild: Guter Tango wird hier häufig weniger als isolierte Leistung eines einzelnen Menschen beschrieben, sondern als Qualität eines Zusammenspiels. Eine Teilnehmerin hat dafür ein schönes Bild gefunden: ein „lebendiges Trio aus Musik, Mensch, Mensch“.

Oder etwas persönlicher formuliert: Vielleicht ist guter Tango weniger etwas, das einer von uns „kann“, als etwas, das zwei Menschen miteinander möglich machen.

Eine Teilnehmerin beschreibt, was beim Tanzen zu alternativer Musik geschehen kann: „Die Umarmung nach einer Tanda ist oft besonders zärtlich, weil wir uns zutiefst erfüllt fühlen, wenn eine Seele eine andere ohne Worte sehen und verstehen kann.“

Das ist meine Lesart der Antworten. Und genau hier endet die eigentliche Auswertung der Umfrage.

GRAFIK 10 – Der gute Tanz als größeres System

4. Und dann blieb für mich eine Frage offen

Eigentlich könnte dieser Artikel hier enden. Musikalität und Verbindung wurden besonders häufig priorisiert. Wahrnehmung spielt eine große Rolle. Technik verschwindet keineswegs. Und viele Antworten beschreiben guten Tango als etwas, das im Zusammenspiel entsteht. Aber für mich als Tangolehrer beginnt genau hier die spannendere Frage: Wie lernt man das?

Wie lernt man das?

Eine Schrittfolge kann ich vormachen. Eine Figur kann ich erklären.

Aber wie vermittle ich Wahrnehmung?
Wie entsteht Stabilität, ohne dass der Körper fest wird?
Wie lernt ein Mensch, einen Impuls nicht nur auszuführen, sondern ihn wahrzunehmen und darauf zu antworten?
Wie lernt man, Musik nicht nur zu zählen, sondern körperlich zu erleben?

Und vielleicht die schwierigste Frage: Wie lernen zwei Menschen, miteinander zu tanzen statt nur gleichzeitig die richtigen Bewegungen zu machen?

An dieser Stelle verlasse ich bewusst die Ergebnisse der Umfrage. Was jetzt folgt, ist mein persönlicher Blick auf das Lernen und Vermitteln von Tango.

5. Mein Blick auf das Lernen und Tanzen des Tango

Für mich bedeutet Tango zu vermitteln mehr, als die eigene Tanzerfahrung weiterzugeben. Tanzen und Vermitteln sind für mich zwei unterschiedliche, sich ergänzende Kompetenzen.
Wenn ein Mensch seine Achse verliert, mit zu viel Spannung tanzt oder einen Impuls nicht wahrnimmt, kann ich sagen:

„Bleib in deiner Achse.“
„Entspann dich.“
„Spür deinen Partner.“

Aber damit weiß der andere Mensch noch lange nicht, wie er das tun soll.

Mich interessiert deshalb weniger die schnelle Korrektur als die Frage:
Warum gelingt es diesem Menschen gerade nicht, und welche Erfahrung könnte ihm helfen, selbst eine Veränderung wahrzunehmen?

Im Laufe meiner eigenen Unterrichtstätigkeit ist für mich immer wichtiger geworden, nicht nur zu fragen, was ich vermitteln möchte, sondern wie ein Mensch etwas tatsächlich lernen und körperlich erfahren kann.

Tango erleben

Seit vielen Jahren tanze und unterrichte ich Tango. Hinzu kommen meine Erfahrungen als Veranstalter und Tango-DJ. Dadurch erlebe ich Tango aus unterschiedlichen Perspektiven: im eigenen Körper, in der Begegnung mit einem Tanzpartner, beim Unterrichten, beim DJing auf einer ganzen Tanzfläche.

Ich sehe, wie sich Menschen bewegen, wie Räume wirken, wie eine Ronda entsteht und wie sich die Atmosphäre eines Abends verändern kann.

Bewegung verstehen und umsetzen

Mein Blick auf Bewegung wurde wesentlich durch meine Ausbildung in Spiraldynamik® geprägt. Hinzu kommt meine langjährige Beschäftigung mit unterschiedlichen Formen der Körper- und Wahrnehmungsarbeit.

Mich interessiert deshalb nicht nur, wie eine Bewegung von außen aussieht. Mich interessiert, wie sie sich organisiert und anfühlt.

Wo entsteht Stabilität?
Wo braucht es Beweglichkeit?
Wo entsteht unnötige Spannung?

Was verändert sich durch Aufmerksamkeit, Atmung oder eine andere Organisation des Körpers?
Und wie kann ein Mensch diese Veränderung nicht nur intellektuell verstehen, sondern körperlich erfahren?

Lernen verstehen

Ein weiterer Teil meines Hintergrunds kommt zunächst gar nicht aus dem Tango. Seit vielen Jahren arbeite ich beruflich als Trainer und Coach mit Lern- und Veränderungsprozessen.
Dabei beschäftigt mich immer wieder dieselbe Frage:

Was braucht ein Mensch, damit aus einer Information eine eigene Erfahrung – und aus dieser Erfahrung schließlich eine neue Fähigkeit wird?

Diese Frage nehme ich mit auf die Tanzfläche.
Zwei Begriffe aus der Umfrage möchte ich an dieser Stelle noch einmal aufgreifen: Musikalität und Verbindung. Beide wurden von den Teilnehmenden besonders häufig priorisiert. Was darunter verstanden wird, kann jedoch unterschiedlich sein. Deshalb möchte ich kurz beschreiben, was beide für mich beim Tanzen und Vermitteln von Tango bedeuten.

Musik verstehen und erleben

Durch meine langjährige Tätigkeit als Tango-DJ und Veranstalter beschäftige ich mich nahezu täglich mit Musik: mit Struktur und Rhythmus, Melodie und Pausen, Dynamik und Atmosphäre, Spannung und Ruhe, Emotionalität und der Frage, was Musik mit Bewegung macht.

Musikalisch zu tanzen bedeutet für mich mehr, als Takt und Rhythmus korrekt zu treffen. Musik bietet unterschiedliche Ebenen an. Wir können sie hören, aber wir können sie auch körperlich wahrnehmen und beantworten. Und zwei Menschen müssen dasselbe Musikstück keineswegs auf dieselbe Weise erleben.

Besonders spannend wird es für mich dort, wo diese unterschiedlichen Wahrnehmungen in den gemeinsamen Tanz einfließen:

Ich höre die Musik.
Ich spüre mein Gegenüber.
Ich nehme wahr, was zwischen uns entsteht.

Und daraus entwickelt sich unsere gemeinsame Interpretation.

Als DJ erlebe ich zudem etwas, das mich immer wieder fasziniert: Dieselbe Musik kann an zwei Abenden etwas völlig anderes auslösen. Denn Musik trifft nicht nur auf Ohren. Sie trifft auf Menschen, Körper, einen Raum, eine Stimmung und einen bestimmten Moment.

Für mich gehören Musikalität und Verbindung deshalb eng zusammen. Sie beeinflussen sich gegenseitig: Wie ich die Musik wahrnehme, verändert meinen Tanz, und die Verbindung zu meinem Gegenüber beeinflusst, was wir aus dieser Musik gemeinsam entstehen lassen.
Damit berührt Musikalität für mich unmittelbar den zweiten besonders häufig genannten Aspekt der Umfrage: Verbindung.

Verbindung verstehen und erleben

Verbindung ist vielleicht das meistgenutzte Wort im Tango. Tänzerinnen und Tänzer sprechen davon, wir Lehrenden ebenso, und ich nehme mich da nicht aus. Das Wort beschreibt etwas, das viele von uns erlebt haben und das offensichtlich wichtig ist. Auch die Umfrage zeigt das.

Doch gerade weil es so selbstverständlich klingt, fragen wir selten nach, was wir eigentlich genau damit meinen. Und noch schwieriger ist die Frage, wie man es lernen kann.

In meinem Unterricht erlebe ich, dass Menschen unter Verbindung Unterschiedliches verstehen. Manchmal ist damit die Umarmung gemeint, manchmal körperlicher Kontakt, eine klare Führung oder einfach das Gefühl, dass der Tanz harmonisch funktioniert.

Jede Lehrerin, jeder Lehrer, jede Folgende und jeder Führende hat dafür eigene Bilder und Wege, und das ist gut so. Ich möchte hier beschreiben, wie ich selbst unterscheide: zwischen Kontakt, Verbindung und Verschmelzung.

Kontakt
Vieles, was oft Verbindung genannt wird, ist für mich zunächst Kontakt: die körperliche Berührung, die Umarmung, die Hände, der Oberkörper, das Gewicht, das ich beim anderen spüre. Ohne Kontakt gibt es keinen Tango. Er ist der Kanal, über den Informationen zwischen zwei Körpern fließen können.

Aber Kontakt allein sagt noch nichts darüber, ob tatsächlich etwas fließt. Zwei Menschen können sich eng umarmen und trotzdem aneinander vorbei tanzen. Für mich ist Kontakt deshalb die Voraussetzung, noch nicht die Verbindung selbst.

Verbindung
Ich arbeite mit dem Begriff der synchronen Verbindung, den ich im Beitrag „Gemeinsam tanzen. Nicht nur zusammen.“ ausführlicher beschrieben habe.

Damit meine ich einen Zustand, in dem ein Bewegungsimpuls nicht nur von einer Person gegeben und von der anderen anschließend ausgeführt wird. Beide nehmen wahr, was zwischen ihren Körpern geschieht, und die Bewegung kann daraus gemeinsam entstehen.

Spürbar wird dann ein anhaltender Fluss von Bewegungsenergie, der von beiden getragen wird.
Führen und Folgen verschwinden dabei nicht. Aber die Qualität verändert sich.

Nicht nur:
Ich gebe einen Impuls – du reagierst.
Sondern:
Wir nehmen gemeinsam wahr, was entsteht, und bewegen es miteinander weiter.

Ein Führender aus der Umfrage beschreibt genau diesen Moment: Er tanzt gut, „wenn ich synchron mit meiner Partnerin tanze und ihren Abweichungen folgen kann“.

Verschmelzung
Manche beschreiben die schönsten Momente im Tango als eine Art Verschmelzen. Eine Tänzerin schreibt in der Umfrage, sie tanze gut, wenn sie sich auf die Musik und ihr Gegenüber einlassen kann „und wir miteinander verschmelzen“.

Das Wort trifft ein Gefühl, das viele kennen. Trotzdem möchte ich hier genau unterscheiden.
Auf der tänzerischen Ebene wird es schwierig: Würden wir wirklich verschmelzen, ließe sich kaum noch ein Tango tanzen, der Führen und Folgen ermöglicht.

Tango braucht zwei autonome Personen: jemanden, der einen Impuls gibt, und jemanden, der darauf antwortet. Jeder bleibt auf seiner eigenen Achse, jeder mit seiner eigenen Bewegung. Auf dieser Basis kann sich die weitere Dimension des Dialogs entfalten.

Darin liegt für mich der Unterschied zur Verbindung: In der Verbindung bleiben Führen und Folgen erhalten. Verschmelzung dagegen ist ein Zustand, in dem sie im Sinne des Tango nicht mehr funktionieren.

Verschmelzung erleben wir deshalb auf einer anderen Ebene. Körperlich, wenn Atem, Gewicht und Bewegung so aufeinander abgestimmt sind, dass es sich für einen Moment anfühlt wie ein gemeinsamer Körper. Und seelisch, wenn, wie es eine Teilnehmerin weiter oben beschreibt, „eine Seele eine andere ohne Worte sehen und verstehen kann“.

Kurz gesagt:

Kontakt: Wir berühren uns körperlich.
Verbindung: Wir nehmen gemeinsam wahr und antworten aufeinander, zwei Stimmen in einem Dialog.
Verschmelzung: ein Zustand, in dem Führen und Folgen im Sinne des Tango nicht mehr funktionieren. Im Tanz erleben wir sie deshalb körperlich oder seelisch.

Erfahren statt erklären
Worte helfen, diese Unterschiede zu benennen. Erfahren lassen sie sich aber nur im Körper. Im Unterricht kann man sie spürbar machen, und ich erlebe dabei immer wieder Aha-Momente: Etwas, das vorher als abstrakter Begriff „Verbindung“ im Raum stand, wird plötzlich konkret spürbar.

Deshalb ist mir wichtig, Verbindung nicht nur zu erklären, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sie selbst wahrnehmen können.

All diese Erfahrungen fließen heute in meinen Blick auf Tango ein. Nicht als Beweis dafür, dass ich den „richtigen“ Weg kenne. Sondern als Hintergrund, aus dem heraus ich beobachte, Fragen stelle und Lernräume gestalte.

Vormachen und Nachmachen und ein zweiter Weg

Natürlich lernen wir Tango auch durch Imitation. Jemand zeigt eine Bewegung. Wir beobachten. Wir probieren sie aus. Wir bekommen eine Rückmeldung und verändern etwas.

Dieser Weg ist sinnvoll, und ich nutze ihn ebenfalls. Aber für bestimmte Lernprozesse reicht er mir nicht. Denn ich kann einem Menschen eine Bewegung vormachen.

Meine Wahrnehmung kann ich ihm nicht vormachen. Ich kann zeigen, wie meine Achse aussieht. Aber der andere Mensch muss lernen, seine eigene Achse wahrzunehmen.

Und ich kann eine Verbindung nicht einfach vormachen und erwarten, dass zwei andere Menschen sie anschließend genauso erleben.

Deshalb arbeite ich neben Imitation auch mit Exploration.

Nicht nur:
„Mach es so.“
Sondern auch:
Was nimmst du wahr?
Wo entsteht der Impuls?
Was verändert sich, wenn du weniger Kraft benutzt?
Wann wird die Bewegung leichter?
Was geschieht bei deinem Gegenüber?
Was verändert die Musik?

Der Körper bekommt damit nicht nur eine Anweisung. Er bekommt die Möglichkeit, eine eigene Erfahrung zu machen.

Und darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied.

Den eigenen Tango entwickeln

Mir geht es im Unterricht nicht darum, eine bestimmte Art zu tanzen vorzugeben. Ich möchte Menschen dabei unterstützen, ihren eigenen Körper differenzierter wahrzunehmen, ihre Bewegungsmöglichkeiten zu erweitern und sensibler auf Gegenüber und Musik reagieren zu können.

Dabei darf sich auch ein eigener Ausdruck entwickeln, passend zum jeweiligen Menschen und nicht zu einer vorgegebenen Vorstellung davon, wie Tango aussehen sollte.

Technik spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber Technik ist für mich kein Selbstzweck. Sie soll Möglichkeiten eröffnen. Aus diesem Verständnis heraus richte ich den Fokus in meinen Workshops auf vier Qualitäten, die miteinander in Wechselwirkung stehen, und immer wieder auch auf den persönlichen Ausdruck:

Verbindung.
Bewegung.
Musikalität.
Präsenz.

Nicht als voneinander isolierte Fähigkeiten. Und schon gar nicht als Definition des „richtigen“ Tangos.

Für mich sind es unterschiedliche Zugänge zu derselben Frage:

Wie können aus zwei Menschen, zwei Körpern und einer Musik für einen Moment gemeinsame Bewegung und gemeinsames Erleben entstehen?

Damit lande ich am Ende wieder bei der Frage, mit der die Umfrage begonnen hat:
Wann ist ein Tango eigentlich gut?

Wann ist ein Tango eigentlich gut?

Nach 49 Antworten habe ich darauf keine endgültige Definition. Und vielleicht brauche ich sie auch nicht.

Denn hinter all den unterschiedlichen Antworten scheint für mich etwas auf, das mich am Tango seit vielen Jahren fasziniert:

  • Wir bringen unsere Technik mit.
  • Unsere Erfahrungen.
  • Unsere Unsicherheiten.
  • Unsere Art, Musik zu hören.
  • Unsere Körper.
  • Unsere Persönlichkeit.

Und dann begegnen wir einem anderen Menschen, der all das ebenfalls mitbringt.
Was daraus entsteht, lässt sich nicht vollständig planen.

Aber wir können lernen, aufmerksamer dafür zu werden.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Tango auch nach vielen Jahren nicht fertig gelernt ist.

Und vielleicht liegt genau darin seine Faszination.

Es geht nicht nur darum, zusammen Tango zu tanzen.
Es geht darum, gemeinsam zu tanzen.

Weiterführende Quellen und Inspirationen

Die Gedanken in diesem Artikel verbinden die Ergebnisse der Umfrage mit meiner persönlichen Erfahrung als Tangotänzer, Tangolehrer, Veranstalter und DJ sowie mit meinem beruflichen Hintergrund in Training, Coaching, Körper- und Wahrnehmungsarbeit.

Wer einzelne Aspekte vertiefen möchte, findet hier einige fachliche Ausgangspunkte:

Spiraldynamik® – Bewegung verstehen
Die Spiraldynamik® beschäftigt sich mit den anatomischen und biomechanischen Grundlagen menschlicher Bewegung und mit dreidimensionalen Bewegungsprinzipien. In der Ausbildung gehören unter anderem Anatomie und Physiologie, funktionelle Bewegungsabläufe sowie Bewegungsanalyse zu den Inhalten.
Spiraldynamik® Akademie: Ausbildung und Bewegungslehre

Gabriele Wulf & Rebecca Lewthwaite – Motorisches Lernen
Die Forschung von Wulf und Lewthwaite beschäftigt sich unter anderem damit, wie Aufmerksamkeit, Autonomie und Erwartungen motorisches Lernen beeinflussen können. Für mich ist daran besonders interessant, Lernen nicht ausschließlich als Korrektur einer Bewegung zu betrachten, sondern auch die Bedingungen in den Blick zu nehmen, unter denen Menschen Bewegungsfähigkeiten entwickeln.
Wulf & Lewthwaite (2016): „Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning.“

Chua, Jimenez-Diaz, Lewthwaite, Kim & Wulf – Aufmerksamkeitsfokus beim Bewegungslernen
Eine umfangreiche Metaanalyse untersuchte die Forschung zum internen und externen Aufmerksamkeitsfokus beim Erlernen motorischer Fähigkeiten. Sie zeigt, dass die Art, worauf Lernende ihre Aufmerksamkeit richten, einen messbaren Einfluss auf motorisches Lernen und Leistung haben kann.
Chua et al. (2021): „Superiority of external attentional focus for motor performance and learning: Systematic reviews and meta-analyses.“

Phillips-Silver, Aktipis & Bryant – Rhythmische Synchronisation
Die Autor:innen beschreiben „Entrainment“ als zeitliche Koordination von Bewegung mit rhythmischen Signalen und betrachten dabei auch die soziale Synchronisation zwischen Menschen. Das bietet einen interessanten wissenschaftlichen Hintergrund für die Frage, was beim gemeinsamen Bewegen zu Musik geschieht.
Phillips-Silver, Aktipis & Bryant (2010): „The Ecology of Entrainment: Foundations of Coordinated Rhythmic Movement.“

Tarr, Launay & Dunbar – Gemeinsames Tanzen und Synchronität
Experimentelle Untersuchungen zum gemeinsamen Tanzen zeigen Zusammenhänge zwischen synchroner Bewegung und erlebter sozialer Verbundenheit. Die Ergebnisse beziehen sich nicht speziell auf Tango, sind aber eine interessante Ergänzung zur Frage, warum gemeinsames Bewegen mehr sein kann als zwei parallel ausgeführte Bewegungen.
Tarr, Launay & Dunbar (2016): „Silent disco: dancing in synchrony leads to elevated pain thresholds and social closeness.“ Evolution and Human Behavior.


Ich freue mich über deine Gedanken und Erfahrungen, gern in den Kommentaren oder per Mail an tango@tangovida.de.
Wenn du einen Kommentar schreibst, werden deine Angaben gespeichert. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.

Name und E-Mail sind freiwillig.

10 Kommentare

  1. Lieber Kris,

    Deine Umfrage und derer Bewertung und Analyse fand ich spannend zu lesen. Sehr detailliert und ausführlich beschrieben.
    Vielen Dank für deine Mühe.

    „Ich höre die Musik.
    Ich spüre mein Gegenüber.
    Ich nehme wahr, was zwischen uns entsteht.
    Und daraus entwickelt sich unsere gemeinsame Interpretation.“

    Diese Beschreibung von dir bildet für mich eine sehr gute Zusammenfassung, was ein guter Tango sein kann, auch wenn es nicht immer gelingt, dass das „Miteinander Tanzen“ eine kontinuierliche gemeinsame “Resonanz“ darstellt.

    Da es für mich komplexer ist: eine Sekunde Ablenkung kann die Verbindung und die Harmonie (kurzzeitig) unterbrechen und die Kunst liegt daran das Miteinander Tanzen wieder herzustellen.

    „Beim anderen nehmen wir vor allem wahr, was jemand tut“ und „Bei uns selbst nehmen wir vor allem wahr, wie sich der Tanz anfühlt“
    Diese Beobachtung finde ich treffend.

    Nochmals merci Kris
    Bise
    Gisèle

    • Liebe Gisèle,

      merci für deine schöne und ausführliche Rückmeldung. ❤️

      Deinen Gedanken zur Resonanz finde ich besonders spannend. Denn wahrscheinlich ist genau das ein wichtiger Teil des gemeinsamen Tanzens: Verbindung ist nichts, was einmal entsteht und dann einfach bestehen bleibt. Sie kann sich verändern, für einen Moment verloren gehen – durch eine kleine Ablenkung, eine Bewegung oder einen Impuls, der nicht gemeinsam entsteht.

      Und vielleicht liegt eine besondere Qualität des Tangos tatsächlich darin, das wahrzunehmen und wieder zueinanderzufinden, ohne daraus ein „Problem“ zu machen. Das Miteinander immer wieder neu entstehen zu lassen. Für mich macht gerade das Tango so lebendig: Es geht nicht um einen perfekten Zustand kontinuierlicher Harmonie, sondern um dieses fortwährende Wahrnehmen, Antworten und Wiederverbinden.

      Danke für diese Ergänzung zu meinem Artikel. Sie bringt für mich noch einmal eine weitere schöne Facette hinein.

      Bise & Abrazo
      Kris

  2. Lieber Kris! Dein Text regt an, auch über das eigene Tanguera-Gefühl nachzudenken. Ich selbst entwickle immer mehr Verspieltheit und Kreativität im Tanz, immer mehr Freude und Unverkrampftheit im Miteinander. Das ist umso erfreulicher, da meine innere Kritikerin, ob ich denn „gut genug“ tanze, so weniger Nahrung bekommt 😄 danke für deine gute Analyse und deine Reflexionen! Liebe Grüße Birgit aus Salzburg

    • Liebe Birgit,

      danke dir für deinen schönen Kommentar. ❤️

      Was du über Verspieltheit, Kreativität und Unverkrampftheit schreibst, gefällt mir sehr. Gerade wenn die innere Kritikerin leiser wird, entsteht oft mehr Raum dafür, den eigenen Tango wirklich zu entdecken – und nicht ständig zu überlegen, ob etwas „gut genug“ ist.

      Beim Lesen musste ich tatsächlich an meine „Vier Qualitäten im Tango“ denken, weil wir uns dort genau mit solchen unterschiedlichen Seiten des eigenen Tanzens beschäftigen. Wenn du Lust hast, daran einmal gemeinsam weiterzuforschen, würde ich mich freuen, dich dort zu sehen.

      Die vier Workshops finden am
      24./25. Oktober in Ravensburg und am
      21./22. November in Berlin statt.

      Falls du neugierig bist, hier findest du mehr dazu:
      https://tangovida.de/tangovida-vier-qualitaeten-im-tango/

      Liebe Grüße nach Salzburg
      Kris

  3. Vielen Dank für die Umfrage und die umfangreiche Auswertung!
    Für einen guten Tango müssen so einige Dinge zusammenkommen. Musik, Partner und eigene Verfassung/Stimmung. Alle müssen in Resonanz gehen. Wenn du zwei Profis zusammentust, ist das kein Garant für einen guten Tango also, wenn sie nicht mit einander harmonieren oder nicht miteinander können. Jedenfalls nicht nach Innen rein.
    Während Salsa zum Beispiel für mich ein extrovertierter Tanz ist, so ist für mich ein Tango, etwas, was nach Innen rein geht, also ein introvertierter Tanz, der aufgrund seiner Vielfältigkeit auch durchaus mal extrovertiert werden kann.
    Also ein guter Tango, ist ein Tango, der mich im Innern berührt. Mein Herz, deine Seele oder beides!

    • Lieber Joachim,
      Vielen Dank für deine Gedanken! ❤️ Besonders dein Bild der Resonanz gefällt mir: Ein guter Tango entsteht eben nicht allein durch Können oder Technik, sondern wenn Musik, zwei Menschen und der Moment miteinander in Resonanz kommen. Und manchmal sind es gerade diese Tänze, die uns im Innersten berühren und lange nachwirken.
      Abrazo
      Kris

  4. Vielen Dank, Kris, dass du die Ergebnisse der Umfrage hier teilst – ich fand die Auswertung wirklich spannend. Besonders der Unterschied zwischen „Beim anderen nehmen wir vor allem wahr, was jemand tut“ und „Bei uns selbst nehmen wir vor allem wahr, wie sich der Tanz anfühlt“ hat mich zum Nachdenken gebracht: Was würde wohl eine Umfrage über Partnerschaft zutage fördern – und wo gäbe es Parallelen zum Tango? Kann Tango tatsächlich eine Art Spiegel dafür sein, wie wir miteinander kommunizieren und in Beziehung sind? Mich beschäftigt gerade die Frage: Was kann ich aus den Ergebnissen dieser Umfrag in meine Beziehung mitnehmen – und was braucht es, damit sich eine Beziehung für beide wie ein guter Tango anfühlt?…

    • Liebe Claudia,
      danke dir für deinen Kommentar.
      Nach vielen Jahren im Tango und durch meine berufliche Tätigkeit als Coach habe ich nicht nur selbst viele Erfahrungen gemacht, sondern auch viel darüber mitbekommen, was Tango in Beziehungen auslösen und sichtbar machen kann.
      Heute würde ich sagen: Im Tango spiegelt sich vieles davon wider, wie wir auch sonst im Leben sind. Wie wir Nähe zulassen, kommunizieren, mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen, Freiraum geben oder auf Veränderungen reagieren.
      Vieles lässt sich durch ehrliche Kommunikation miteinander klären – auch dann, wenn sich Bedürfnisse verändern oder wir uns im Laufe unseres Lebens weiterentwickeln.
      Gerade in Tangostunden mit Paaren erlebe ich immer wieder, dass Themen sichtbar werden, die auch außerhalb des Tangos Teil ihrer Beziehung sind. Gleichzeitig bietet der Tango eine schöne Gelegenheit, genau darüber miteinander ins Gespräch zu kommen.
      Abrazo
      Kris

  5. Danke Kris,
    habe lange nicht mehr so viel Text wirklich durchgelesen!
    Habe die Umfrage leider verpasst, sonst wäre 1 Führender mehr – die sind ja doch sehr unterrepäsentiert.
    Und diese Auswertung hast Du galanterweise nicht erwähnt. 🙂

    • Lieber Jan,
      danke für deinen Kommentar. Man sieht das Verhältnis Führende/ Folgende in der „GRAFIK 2 – Tanzrollen“.
      Abrazo
      Kris

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert