
Insights Kris TangoVida
In diesem Jahr 2025 haben mir viele von euch auf Veranstaltungen, privaten Tangostunden, Workshops und beim Tanzen Fragen gestellt, beispielsweise, wie ich zum Tango gekommen bin, was mich antreibt und wie ich arbeite. Um einen besseren Überblick zu geben, habe ich die häufigsten Fragen gesammelt und nach Themenbereichen strukturiert. So könnt ihr auf einen Blick erkennen, wie meine Arbeit als Tango-Coach, DJ und Veranstalter zusammenhängt, wie ich Neo-Tango sehe und welche Rolle Körperarbeit und Spiraldynamik® für mich dabei spielen.
1. Persönlicher Hintergrund und Tango-Biografie
Wer bist du und was machst du – beruflich und im Tango?
Hauptberuflich arbeite ich als zertifizierter Coach und Trainer, vor allem im Bereich Teamentwicklung, agiler Zusammenarbeit und Persönlichkeitsentwicklung für Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen. Mein Schwerpunkt liegt darauf, wie Menschen sinnvoll und kreativ miteinander arbeiten können, jenseits klassischer Hierarchien. Mit speziellen Programmen vermittle ich neue Arbeitsweisen, die Produktivität steigern und gleichzeitig zu mehr Zufriedenheit führen. Dabei geht es mir immer auch um den einzelnen Menschen und seine Wahrnehmung, Haltung und persönliche Entwicklung.
Als Coach sehe ich im Tango ein lebendiges Spiegelbild dieser Prozesse: Jede Bewegung entsteht im Zusammenspiel der Partner, Konflikte oder Unsicherheiten zeigen sich unmittelbar, und wer Verantwortung übernimmt, findet kreative Lösungen.
Diese Erfahrungen fließen direkt in meine Arbeit in der Tangowelt ein. Als Veranstalter nutze ich meine hauptberufliche Expertise, um Tango-Events sorgfältig zu planen, zu strukturieren und atmosphärisch zu gestalten. Als DJ übertrage ich mein Gespür für Dynamik, Energiefluss und Kommunikation auf die Tanzfläche und ermögliche einen interaktiven musikalischen Dialog. Als Tango-Coach wende ich Methoden aus Führung, Wahrnehmung, Körperarbeit und systemischer Arbeit gezielt auf den Tanz an: Technik, Präsenz, Körperbewusstsein, Musikalität und individueller Ausdruck werden so individuell und ganzheitlich entwickelt.
Wie bist du zum Tango gekommen und was hat dich fasziniert?
Im Jahr 2006 begann ich in Berlin meine erste Tangostunde, nachdem ich zuvor rund zehn Jahre lang Salsa getanzt hatte. Eigentlich kam ich eher zufällig zum Tango: Ich wurde einfach zu einer Kursstunde mitgenommen und schon in den ersten Minuten war ich fasziniert. Tango sprach mich auf mehreren Ebenen gleichzeitig an: körperlich, emotional und intellektuell.
Besonders beeindruckt hat mich das unmittelbare Feedback im Tanz. Jede kleinste Bewegung wird sofort beantwortet, jede Nuance der Impulse spiegelt sich unmittelbar im Partner wider. Im beruflichen Alltag als Führungskraft erlebt man Feedback oft verzögert oder indirekt; im Tango jedoch ist es direkt und spürbar. Man sieht und fühlt sofort, wie Entscheidungen und Aktionen wirken. Diese Kombination aus Bewegung, Führung, Wahrnehmung und nonverbaler Kommunikation hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.
Darüber hinaus faszinierte mich die Tiefe der Verbindung: Tango ist nicht nur eine Abfolge von Schritten, sondern ein Dialog zwischen zwei Menschen, in dem Präsenz, Energie und Intuition eine zentrale Rolle spielen. Schon die erste Stunde machte deutlich, dass Tango weit mehr ist als ein Tanz,– es ist eine Sprache, ein Erfahrungsraum, ein Spiegel für zwischenmenschliche Dynamik, der mich bis heute inspiriert und prägt.
2. Musik: Nuevo-, Neo-, Non-Tango und DJ-Perspektive
Was sind die Unterschiede von Nuevo-, Neo-, Non-Tango Musik?
Kaum ein Begriff wird in der heutigen Tango-Welt so beiläufig benutzt wie „Neo“. Neo-Milonga, Neo-Tango, Neo-Musik, Neo-Stil. Alles, was nicht eindeutig traditionell klingt oder aussieht, landet schnell in dieser Schublade. Das wirkt praktisch, modern und unverfänglich. Tatsächlich aber verdeckt diese Vereinfachung eine vielschichtige Geschichte von Brüchen, Experimenten und bewussten Entscheidungen. Tango Nuevo, Neo-Tango und Non-Tango sind nicht einfach Geschmacksrichtungen, sondern Antworten auf unterschiedliche historische und gesellschaftliche Situationen. Sie entstanden zu verschiedenen Zeiten, aus unterschiedlichen Motivationen heraus und mit sehr verschiedenen Konsequenzen für Musik, Tanz und soziale Praxis. Wer heute alles pauschal als Neo-Tango bezeichnet, spart sich zwar Erklärungen, verliert aber das Verständnis dafür, was sich im Tango wirklich verändert hat und was dabei auf der Strecke geblieben ist.
Tango Nuevo ist kein modischer Stil, sondern das Ergebnis eines langen inneren Konflikts des Tangos mit sich selbst. Um ihn zu verstehen, muss man zwei unterschiedliche Zeitachsen auseinanderhalten, denn genau hier entsteht bis heute die größte Verwirrung.
Musikalisch taucht der Begriff Tango Nuevo bereits Mitte der 1950er Jahre auf. Nach seiner Rückkehr aus Paris im Jahr 1955 begann Astor Piazzolla, Tango zu komponieren, der nicht mehr für die Tanzfläche gedacht war. Seine Werke aus den späten 1950er bis in die 1970er Jahre brachen bewusst mit der Struktur der Goldenen Ära von etwa 1935 bis 1955. Piazzollas Musik war komplex, fragmentiert, spannungsgeladen. Sie war Tango, aber ohne soziale Funktion. In Argentinien wurde er dafür lange abgelehnt, im Ausland gefeiert. Dieses musikalische Tango Nuevo stellte erstmals öffentlich die Frage, ob Tango sich verändern müsse, um zu überleben.
Der tänzerische Tango Nuevo entstand erst Jahrzehnte später. In den frühen 1990er Jahren, etwa ab 1992 bis 1995, begannen Tänzer wie Gustavo Naveira und Fabian Salas in Buenos Aires, den Tango analytisch neu zu denken. Nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 suchte eine neue Generation nach Freiheit, Klarheit und Eigenverantwortung. Tango Nuevo war hier kein Stil, sondern eine Methode. Bewegung wurde zerlegt, verstanden und neu zusammengesetzt. Die Umarmung blieb, das Gehen blieb, die Musik blieb überwiegend traditionell. Neu war der Blick auf den Tango selbst. Konflikte mit Traditionalisten waren unausweichlich, weil hier erstmals Autorität nicht mehr aus Überlieferung, sondern aus Verständnis abgeleitet wurde.
Neo-Tango entstand nicht aus der Tradition heraus, sondern aus der Distanz zu ihr. Er ist ein Produkt der frühen 2000er Jahre und der kulturellen Globalisierung, nicht der argentinischen Tango-Geschichte.
Musikalisch setzte ein Wendepunkt um das Jahr 2001 ein, als Projekte wie Gotan Project, kurz darauf Bajofondo ab 2002 und Otros Aires ab etwa 2003 Tango-Elemente mit elektronischer Musik, Clubästhetik und Popstrukturen kombinierten. Diese Musik war bewusst hybrid. Sie zitierte Tango, ohne sich seinen Regeln zu verpflichten. Der Begriff Neo-Tango wurde im Nachhinein verwendet, vor allem von Tänzern, um diese neue Musik einzuordnen. Die Musiker selbst sahen sich weniger als Tango-Reformer denn als zeitgenössische Künstler.
Ab 2003 veränderte sich die Art zu tanzen spürbar. Der Tanz reagierte unmittelbar auf die neue Musik. Die Umarmung wurde lockerer, der gemeinsame Körperkern der Partner weniger starr, und das klare Gehen, der zweite zentrale Pfeiler des Tangos, verlor an Bedeutung. Traditionell ist Tango vor allem ein Geh-Tanz: In der Musik der Goldenen Ära sind Schritte, Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen, Gewichtspausen und Rhythmus untrennbar miteinander verwoben. Gehen ist hier nicht bloß ein Übergang zwischen Figuren, es ist die Figur.
Wenn dieses Gehen in den Hintergrund tritt, verändert sich das gesamte Tanzgefühl. Tango wird vielmehr fließend, beinahe schwebend. An die Stelle klar definierter Schrittfolgen treten Drehungen, Spiralen, Stopps und Dehnungen. Die Musik wird nicht mehr strikt „gegangen“, sondern über Klangflächen, Atmosphäre und Stimmungen interpretiert. Das ist nicht falsch, es ist nur etwas anderes. Der Körper reagiert nicht mehr primär auf Rhythmus und Phrasierung, sondern auf den Klang selbst. Einflüsse aus Contact Improvisation und zeitgenössischem Tanz verstärkten diese Bewegungsfreiheit. So entwickelte Neo-Tango ein eigenes System mit eigener Ästhetik: Er wollte nicht den Tango weiterentwickeln, sondern etwas Neues schaffen, das Tango-DNA nutzt, ohne sich an traditionelle Regeln zu binden. Genau daraus entstand die Spannung zur klassischen Szene, die weniger über Technik als über Identität definiert wird.
Non-Tango ist keine eigene Stilrichtung, sondern eine Entwicklung innerhalb der Tango-Szene. Ab den späten 2000er Jahren begannen Tänzer:innen, Tango-Technik zunehmend unabhängig von traditioneller Tango-Musik einzusetzen. Dabei steht weniger die festgelegte Musikstruktur im Vordergrund, sondern der bewusste, kreative Umgang mit Bewegung, Raum und Verbindung. Non-Tango erlaubt es, Tango-Technik frei zu interpretieren und auf neue Musikstile oder eigene Ausdrucksformen anzuwenden als eine Konsequenz, dass Tango mehr ist als nur die Musik, zu der er traditionell getanzt wird.
Musikalisch gibt es hier keine Grenze. Pop, Rock, klassische Musik oder Filmmusik dienen als Grundlage. Der Tanz löst sich vollständig von Tango-Struktur und sozialer Kodierung. Tango-Elemente werden zitiert, verfremdet oder bewusst gebrochen. Es geht nicht mehr um gemeinsame Lesbarkeit, sondern um individuellen Ausdruck.
Gesellschaftlich spiegelt Non-Tango eine Haltung wider, in der Authentizität höher bewertet wird als Tradition. Es gibt keine Begründer, keine Schulen, keine verbindlichen Regeln. Das macht Non-Tango ehrlich, aber auch konfliktträchtig. Denn wo es keine gemeinsame Sprache gibt, wird soziale Verständigung schwierig.
Non-Tango ist kein Angriff auf den Tango. Er ist ein anderes Feld. Problematisch wird es erst dort, wo er als „moderner Tango“ verkauft wird. Denn Tango ist mehr als Bewegung. Er ist ein soziales System.
Fazit: Heute wird im Alltag fast alles, was nicht klassisch ist, schnell als Neo-Tango bezeichnet, sei es Musik, Tanz oder ganze Veranstaltungen. Das ist praktisch und verständlich, denn der Begriff signalisiert Modernität und Abgrenzung von der traditionellen Szene. Gleichzeitig ist er ein sehr unscharfer Sammelbegriff: Hinter „Neo-Tango“ kann leicht modernisierte Orchester-Musik, elektronische Komposition, ein offener Tanzstil oder sogar völlig freie Bewegungsinterpretation stecken. Wer diese Unterschiede kennt, kann besser einordnen, worum es jeweils geht, und versteht, dass Neo-Tango nicht gleich Neo-Tango ist.
Welche Bedeutung hat Musik für dich beim Tanzen?
Musik ist der Ausgangspunkt jeder Bewegung im Tango. Sie bestimmt nicht nur Tempo und Rhythmus, sondern prägt Intensität, Ausdruck und emotionale Tiefe des Tanzes. Sie gibt Impulse, eröffnet Möglichkeiten zur Improvisation und schafft den Rahmen, innerhalb dessen Führung und Folge lebendig werden. Tanzen ohne Musik ist theoretisch möglich, doch es fehlt die treibende Kraft, die den Tanz mit Leben füllt.
Musik ist für mich zugleich Inspiration und Resonanzboden. Jeder Ton, jede Nuance erzeugt Impulse, die im Körper spürbar werden und direkt in Bewegung umgesetzt werden können. Dabei geht es nicht darum, die Musik „abzuhaken“ oder Schrittfolgen stur umzusetzen, sondern den Tanz als Dialog zwischen Musik, Partner und eigener Präsenz zu verstehen. Verschiedene Musikstile, ob traditioneller Tango, Neo-Tango oder Non-Tango, beeinflussen Haltung, Dynamik, Ausdruck und sogar die Art, wie wir die Verbindung zum Partner erleben.
Wie entscheidest du als DJ, welche Stücke gespielt werden?
Für mich ist DJing weit mehr als das Abspielen von Playlists. Entscheidend ist, dass ich als DJ aufmerksam und präsent bin: Ich nehme wahr, wie sich die Tänzer:innen bewegen, welche Energie im Raum entsteht und wie sich die Stimmung im Laufe des Abends verändert. Mit dieser Aufmerksamkeit und meiner Freude an der Musik reagiere ich auf den Moment.
Obwohl ich über eine große Musikbibliothek mit ganz viel Playlisten verfüge, ist das Live-Zusammenstellen der Musik zentral für meine Arbeit. Ich spüre die Dynamik auf der Tanzfläche und wähle intuitiv Stücke oder musikalische Spannungsbögen, die den aktuellen Moment unterstützen. Dabei denke ich nicht in einzelnen Titeln, sondern in musikalischen Verläufen, die der Tanzenergie Raum geben und sie zugleich tragen. So wird jedes Tango Event ein musikalisches Unikat.
Musik soll inspirieren, Bewegungsfreude wecken und Improvisation ermöglichen. Genre oder Stil sind dabei zweitrangig – wichtig ist, dass die Musik gut tanzbar ist und die Tänzer:innen emotional erreicht.
Meine DJ-Einsätze über die letzten Jahre in Berlin und insbesondere bei großen Neo Tango-Marathons in Bremen, Basel oder Meißen haben meinen Stil weiter geschärft. Hinzu kommen meine langjährige Tanzerfahrung und meine Arbeit als Tango-Coach, die mir helfen, die Wirkung von Musik auf Bewegung, Ausdruck und Verbindung gut einzuschätzen und die Tanzfläche als lebendigen, sich wandelnden Raum zu begleiten.
Wie hat sich Neo-Tango in Berlin entwickelt?
Neo-Tango ist in Berlin in den letzten Jahren zu einer lebendigen, wachsenden Nische geworden. Während traditionelle Milongas auf etablierte Strukturen, feste Tandas und bewährte Tanzorte setzen, eröffnen Neo-Events Räume für Experimente, neue Musikrichtungen und kreative Bewegungen. Tänzer:innen können hier persönliche Ausdrucksformen ausprobieren, improvisieren und mit fließenderen, ausladenderen Bewegungen spielen.
Die Berliner Neo-Tango-Community zeichnet sich durch Offenheit, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung aus. Als ich vor etwa drei Jahren mit den Events und dem DJing begann, waren wir nur ein Dutzend Tanzende; heute sind es etwa 500 Mitglieder in den Messenger-Gruppen und auf Facebook. Die Szene bleibt dynamisch und experimentierfreudig, ohne die traditionellen Milongas zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen und zu inspirieren.
Neo-Tango in Berlin bedeutet damit nicht nur eine neue Art zu tanzen, sondern auch eine Weiterentwicklung der Tango-Kultur hin zu mehr Flexibilität, persönlicher Entfaltung und kreativer Freiheit. Gleichzeitig entstehen Verbindungen zwischen Neo- und klassischen Formaten, die den Austausch und die Vielfalt der Szene weiter stärken.
3. Tango-Coaching mit Spiraldynamik®
Was bedeutet dein Tango-Coaching-Ansatz konkret?
Ich nenne meine Arbeit bewusst Tango-Coaching und nicht Tangounterricht. „Unterricht“ klingt zu schulisch und einseitig – Tango erlebe ich anders. Im Coaching begleite ich Tänzerinnen und Tänzer dabei, Tango-Elemente wie Ocho, Gancho oder Volcada direkt mit bewusster Körperwahrnehmung und Bewegungsintelligenz aus der Spiraldynamik® zu verbinden. Seit 2012 begleite ich Menschen auf diesem Weg, sodass Technik, Präsenz, Musikalität und individueller Ausdruck gleichzeitig erfahren und sofort im Tanz spürbar werden.
Die Kombination aus Tango-Elementen und Spiraldynamik® macht Bewegungen leichter, fließender, anmutiger und deutlich kraftsparender. Jede Stunde wird so zu einem Erlebnis: Körperbewusstsein, Ausdruck und Verbindung zum Partner entwickeln sich gleichzeitig, organisch und direkt anwendbar.
Mein Ansatz basiert auf einer professionellen Coaching-Haltung, die zwei Grundprinzipien trägt: Augenhöhe, also Respekt vor der Eigenständigkeit, Erfahrung und dem individuellen Weg der Tänzer und Vertrauen, dass Wissen, Fähigkeiten und die jeder Person innewohnende Bewegungsintelligenz bereits vorhanden sind. Die Erfahrung zeigt, dass der Körper oft genau weiß, was er tun kann, wenn wir ihn bewusst wahrnehmen und organisieren.
Eine zentrale Grundlage meines Ansatzes ist meine Ausbildung in Spiraldynamik® (2013). Dieses anatomisch fundierte Bewegungskonzept nutzt die natürliche spiralförmige Anordnung von Muskeln, Faszien und Knochen und hilft, die angeborene Bewegungsintelligenz des Körpers wieder bewusst einzusetzen. Im Tango-Coaching geht es nicht darum, Schrittfolgen isoliert zu erlernen, sondern die Bewegungsintelligenz bewusst zu erfahren und mit den Tangoelementen zu verbinden. Bewegungen werden dadurch leichter, flüssiger und anmutiger. Haltung, Balance, Achse und Impulsgebung verbessern sich, und die Verbindung zum Partner wird stabiler.
Die Anatomie bestimmt die Bewegung und nicht umgekehrt.
Ein praktisches Beispiel ist die Sacada. Klassisch wird sie oft als Schritt ins Feld des Partners verstanden, mit Fokus auf die Füße. Im Spiraldynamik®-Ansatz entsteht sie aus dem ganzen Körper: Der Impuls beginnt im Zentrum, wird über Becken und Rumpf spiralförmig weitergeleitet, und die Füße folgen synchron. So erfährst du die Bewegung ruhiger, klarer und harmonischer, und die Verbindung zum Partner bleibt stabil, nicht durch Kraft, sondern durch natürliche, anatomisch organisierte Bewegung.
Technik, Ausdruck, Musikalität und Improvisation werden nicht getrennt, sondern gleichzeitig erfahren. Tango wird so zu einem lebendigen Dialog, der das Prinzip des „Gemeinsam statt Zusammen“ erlebbar macht: Tango entsteht nicht durch paralleles Abarbeiten von Schritten, sondern durch gemeinsames Bewegen aus einem geteilten Moment.
Spiraldynamik® im Tangotanzen bedeutet, den ganzen Körper bewusst einzusetzen. Bewegungen entstehen aus dem Zusammenspiel von Impulszentrum, Becken, Rumpf, Schultern, Muskeln und Faszien und fließen natürlich in alle Richtungen. So wird Tango leichter, flüssiger und kraftsparender, vertieft die Verbindung zum Partner, stärkt den persönlichen Ausdruck und schafft Raum für harmonische Improvisation.
Was hat die eigene Persönlichkeit mit Tango zu tun?
Tango ist weit mehr als eine Abfolge von Schritten oder Figuren, er spiegelt unmittelbar unsere Persönlichkeit wider. Jede Bewegung, jede Reaktion auf Impulse und jede Entscheidung im Tanz zeigt, wie wir uns selbst wahrnehmen, wie wir auf andere reagieren und wie wir unsere Umwelt gestalten.
Selbstbewusstsein und Ausdruck: Im Tango wird sichtbar, wie wir unsere Präsenz einsetzen, Impulse geben und Grenzen wahren. Wer sich im Tanz sicher und authentisch bewegt, überträgt dieses Selbstbewusstsein häufig auch in den Alltag.
Vertrauen und Beziehungskompetenz: Tango lebt vom Dialog zwischen Führenden und Folgenden. Die Fähigkeit, Vertrauen zu geben, Impulse zu empfangen und gemeinsam zu gestalten, spiegelt unsere individuellen und sozialen Kompetenzen wider.
Emotionale Reflexion: Gefühle werden über Bewegung, Rhythmus und Raum spürbar. Freude, Unsicherheit, Energie oder Zurückhaltung manifestieren sich direkt in Körperhaltung und Tanzstil.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Wie wir auf unerwartete Bewegungen unseres Partners reagieren, zeigt, wie flexibel wir auf Veränderungen eingehen, improvisieren und neue Lösungen finden.
Wer sich selbst im Tanz beobachtet und bewusst reflektiert, erkennt Verhaltensmuster, Stärken und Entwicklungspotenziale. Tango kann so zu einem Werkzeug der Persönlichkeitsentwicklung werden, ein Raum, in dem man Haltung, Umgang mit anderen und die eigene Kreativität erforschen und entfalten kann, ganz ohne Zwang, sondern nach eigenem Tempo und Interesse.
In meinen Tango-Coachings sind Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung eine freiwillige Erweiterung, kein Muss.
Welchen Rat würdest du Tänzer:innen geben, um ihr Tango-Erlebnis zu vertiefen?
Mein Rat ist: Seid präsent, für euch selbst, für euren Partner und für die Musik. Spürt bewusst die Verbindung zum Partner, nehmt seine Bewegungen und Impulse wahr und reagiert authentisch darauf. Hört genau hin, nicht nur auf den Rhythmus, sondern auf die Nuancen der Musik, die euch Inspiration und neue Möglichkeiten für Bewegung geben. Entdeckt euren eigenen Körper neu: Welche Bewegungen fallen leicht? Wo könnt ihr Kraft, Balance oder Eleganz gezielt einsetzen? Probiert beide Rollen aus, sowohl Führen als auch Folgen, um die Dynamik des Tanzes umfassender zu verstehen. Verbindet Technik, Präsenz und Ausdruck gleichzeitig, anstatt sie isoliert zu üben. Traut euch zu improvisieren, zu spielen und eure individuelle Interpretation einzubringen. Seht Tango nicht nur als Abfolge von Schritten, sondern als lebendigen Dialog, der sich in jedem Moment verändert und euch die Möglichkeit gibt, gemeinsam zu gestalten, zu kommunizieren und Freude zu erfahren.
4. Veranstaltungen und Vision
Welche deiner Veranstaltungen liegen dir besonders am Herzen?
Besonders am Herzen liegen mir die NEOLONGA (100 % Neo/Non-Tango) und die NEOmiLONGA (ca. 80 % Neo/Non-Tango und 20% Traditionelle Musik). Beide Formate schaffen Räume für kreative Bewegung, experimentelle Musikinterpretation und persönliche Entfaltung, alles Elemente, die den Geist des Neo-Tango ausmachen. Zukünftig plane ich weitere Mischformate, zum Beispiel mit ContactTango-Elementen, um neue Erfahrungsräume zu eröffnen.
Die NEOLONGA findet regelmäßig donnerstags im Basecamp statt. Dazu kommen Special Events an besonderen Orten wie der Heilandskirche, der Villa Bagatelle, der Villa Kreuzberg oder privaten Locations im Spreewald. Ich organisiere die Veranstaltungen weitgehend selbst: von der Raum- und Technikplanung über die Musikauswahl bis zur Kommunikation in Social Media. Bei größeren Events unterstützen Helfer:innen am Einlass und an der Bar. Für mich bedeutet Verantwortung dabei nicht nur Organisation, sondern auch Sorge für das Wohlbefinden der Tänzer:innen, den Ablauf der Veranstaltung und die Qualität des Musikerlebnisses. Musik, Bewegung und die Freude, die sie anderen bereiten, sind meine größte Motivation.
Welche Vision hast du für die Neo/Non-Tango-Community?
Meine Vision ist eine wachsende, kreative Community, in der Tango lebendig, zugänglich und Teil des Lebensgefühls wird. Ich wünsche mir Orte und Formate, die Begegnung, Bewegung und Musik auf neue Weise verbinden.
- Ein lebendiger Treffpunkt: Ich träume von einem Ort mit Tango-Café, an dem Tanzen, Workshops, Livemusik und alltägliches Miteinander verschmelzen. Hier können Menschen unterschiedlichster Hintergründe Tango erleben, sich austauschen und gemeinsam kreativ sein.
- Neo-Marathon in Berlin: Ein weiteres Ziel ist, einen Neo-Marathon nach Berlin zu bringen. Erste Gespräche mit anderen Veranstalter:innen laufen bereits. Dieses mehrtägige Event soll Neo-Tango, Non-Tango, Workshops, DJ-Sets und Live-Musik verbinden und die Stadt als internationalen Hotspot für kreative Neo Tango-Kultur etablieren.
- Interdisziplinäre Experimente
Tango verbinden mit anderen Bewegungs- oder Kunstformen: ContactTango, zeitgenössischer Tanz, Live-Visuals oder Projektionen, Theater, Performance-Kunst. Dadurch entsteht ein immersives Erlebnis, das Musik, Körper und Raum kreativ verknüpft.
- Offenheit und persönliche Entfaltung
Tango als bewusster Lernraum für Selbstwahrnehmung, Beziehungskompetenz und kreative Entfaltung. Workshops, Retreats oder regelmäßige Sessions, in denen Menschen Tango nutzen, um über Bewegung an Ausdruck, Präsenz und Kommunikation zu arbeiten – ohne Zwang, spielerisch und individuell.
Abrazo