Über Ausdruck, Klang und Freiheit im Neo Tango
Es gibt Momente im Neo Tango, in denen sich etwas öffnet. Neben dem Puls und der Phrase, an denen man sich im traditionellen Tango entlangbewegt, treten plötzlich andere Dinge in den Vordergrund: eine Klangfläche, eine Stimme, ein Geräusch, eine Stille. Der Klang breitet sich aus, und der Körper möchte darauf antworten, mit mehr als nur den Füßen. Genau da beginnt für mich das Eigentliche am Neo Tango. Ich beschreibe hier meine eigene Sicht, so wie sie über die Jahre gewachsen ist, und ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass es die einzig richtige ist. Aber für mich lädt diese Musik den ganzen Körper ein und gibt einem zugleich die Erlaubnis, freier zu tanzen, als man es sonst wagt.
Woher der Neo Tango kommt
Ein kurzer Blick zurück, damit klar wird, wovon ich spreche. In den frühen 1990er Jahren begannen Tänzer wie Gustavo Naveira und Fabián Salas in Buenos Aires, den Tango analytisch neu zu denken, seine Bewegungen zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Aus dieser Forschung wuchs der Tango Nuevo, und einige Jahre später, in den frühen 2000ern und getragen von einer globalen Szene, entstand der Neo Tango, der Tangobewegungen zu ganz neuer Musik öffnete, von elektronischen Klängen bis zu Flächen und Geräuschen. Die Folge war eine größere Freiheit in Musik und Bewegung, und mit ihr eine bis heute lebendige Debatte darüber, wie viel Freiheit dem Tango guttut.
Vom Gehen zum ganzen Körper
Im traditionellen Tango liegt vieles im Gehen. Schritte, Gewicht und Rhythmus sind untrennbar verwoben, das Gehen ist keine Überleitung zwischen Figuren, es ist die Figur. Natürlich kennt auch er ein reiches Vokabular an Drehungen, Figuren und feinen Verzierungen, an Ochos, Ganchos und Adornos. Das ist schön und trägt, und es ermöglicht einen sehr feinen, persönlichen Tanz.
Neo Tango nimmt einem all das nicht weg. Er erweitert das musikalische Angebot, auf das ich tanzen kann. Neben Puls und Phrase können plötzlich Textur, Klangfarbe, Raum, elektronische Schichten, Stimme, Dynamik, Brüche, Flächen und Stille stärker werden. Und mit diesem größeren Angebot will nicht nur der Fuß reagieren, sondern der Brustkorb, der Rücken, die Arme, der Atem. Der Körper geht als Ganzes in Resonanz mit dem, was er hört.
Ein Seitenblick auf den Ausdruckstanz
Diese Idee ist nicht neu. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts suchten Tänzer wie Rudolf von Laban und Mary Wigman einen Tanz, der aus der Körpermitte kommt, aus Atem, Gewicht und dem Kontakt zum Boden, und der sich von der vorgegebenen Form des klassischen Balletts löste.
Neo Tango ist etwas völlig anderes als dieser Ausdruckstanz. Andere Herkunft, andere Ästhetik, ein Paartanz statt eines Solos. Aber eine Frage teilen die beiden: Woher kommt Bewegung, wenn nicht mehr eine feste Form alles bestimmt? Die Antwort liegt in beiden Fällen im ganzen Körper.
Freiheit ist nicht das Fehlen von Form
Es lohnt, an dieser Stelle ehrlich zu sein, denn die Freiheit des Neo Tango wird gern missverstanden. Eine große Bewegung wirkt nicht stark, nur weil sie viel Raum einnimmt. Ein Rollenwechsel wird nicht interessant, nur weil er eine Zuordnung aufhebt. Jede Bewegung bekommt ihren Sinn erst aus dem Zusammenhang, in dem sie geschieht.
Hier setzt auch eine verbreitete Abwertung an. Manche sagen, wer traditionellen Tango nicht richtig könne, gehe eben zum Neo Tango, dort falle das Ungenaue weniger auf. An dem Vorwurf ist so viel wahr, dass eine unklare Bewegung sich hinter freier Musik leichter verstecken kann. Aber die Umkehrung stimmt nicht. Gut Neo Tango zu tanzen ist nicht automatisch leichter. Die größere Freiheit stellt andere Anforderungen, weil einem die äußere Struktur fehlt, an der man sich festhalten kann.
Je weniger die Musik vorgibt, desto mehr muss die Bewegung innerlich begründet sein. Eine Bewegung wird stimmig, wenn sie eine Ursache hat, eine Wahrnehmung, eine Spannung, einen Impuls aus der Musik, eine Intention, und der Körper daraus eine Antwort entstehen lässt. Ohne diese Deckung bleibt eine Soltada eine leere Geste, und eine weite Spirale nur ein Verbrauch von Raum.
Ausdruck ist nicht Darstellung
Ausdruck bedeutet für mich deshalb nicht, der Musik etwas überzustülpen. Ich muss nicht beschließen: Diese Stelle klingt traurig, also tanze ich jetzt traurig. Interessanter ist, was vorher passiert. Ein Klang verändert etwas in mir. Vielleicht verändert sich meine Spannung, mein Atem wird weiter, mein Brustkorb öffnet sich oder mein Gewicht sinkt stärker in den Boden. Daraus entsteht Bewegung.
Der Unterschied ist klein und entscheidend zugleich. Ich stelle die Musik nicht dar, ich lasse mich von ihr verändern. Ausdruck ist dann die sichtbare Spur dieser Veränderung.
Das verschiebt die ganze Blickrichtung. Der Klang berührt mich, mein Körper antwortet, meine Antwort verändert, was ich als Nächstes höre, und daraus entsteht die nächste Bewegung. Ausdruck ist so kein Produkt, das ich herstelle, er entsteht in einem Kreislauf, der weiterläuft, solange die Musik läuft.
Worauf ich höre
Im Neo Tango richtet sich mein Gehör auf mehr Ebenen der Musik. Zu Puls, Rhythmus und Phrase kommen Klangfarbe, Textur, Stimme, Raum, Dynamik und Stille, und jede davon kann eine Bewegung auslösen.
Ein tiefer Bass kann das Gewicht nach unten holen. Ein anschwellender Klang kann den Brustraum öffnen. Eine langgezogene Stimme kann eine Bewegung verlängern. Ein plötzliches Verstummen kann den Körper sammeln. Ein raues Geräusch kann Spannung erzeugen. Ein schwebender Klang kann Zeit entstehen lassen.
Das ist keine feste Übersetzung. Ein Bass bedeutet nicht automatisch nach unten. Es gibt dafür kein Wörterbuch, und derselbe Klang kann bei zwei Menschen etwas völlig anderes auslösen. Entscheidend ist weniger die richtige Übersetzung als die Tatsache, dass überhaupt eine körperliche Antwort entsteht.
Ausdruck heißt auch auswählen
Diese vielen Ebenen laufen oft gleichzeitig. Ausdruck bedeutet für mich nicht, auf alles zu reagieren. Im Gegenteil. Oft entsteht Klarheit gerade dadurch, dass ich auswähle. Vielleicht folge ich einige Sekunden nur der Stimme und lasse den Beat vorbeiziehen, vielleicht übernimmt danach der Bass, vielleicht interessiert mich plötzlich nur die Stille zwischen zwei Klängen.
Musikalität zeigt sich dann darin, eine Entscheidung zu treffen: Was davon berührt mich gerade, und worauf möchte ich antworten?
Der ganze Körper hört
Wenn der Rhythmus weniger vorgibt, wie ich mich bewege, bekommt meine körperliche Antwort mehr Raum. Für mich hilft dabei die Spiraldynamik®. Sie macht verständlich, wie sich ein Bewegungsimpuls aus der Mitte durch den ganzen Körper fortsetzen kann. So bleibt eine Drehung nicht etwas, das Arme und Beine ausführen, sondern wird zu einer Bewegung des ganzen Menschen.
Je freier die Bewegung im Oberkörper wird, desto wichtiger wird für mich die Beziehung zum Boden. Der Boden gibt den Halt, von dem aus sich alles andere öffnen kann. Erst wer sein Gewicht wirklich in den Boden gibt, kann darüber frei und weich werden, mit dem Oberkörper, mit den Armen, mit dem Atem.
Und manchmal ist die stimmigste Antwort gar keine Bewegung. Ein Klang kann mich öffnen, ohne dass daraus sofort ein Schritt entsteht. Eine Pause, ein Atemzug, ein kurzes Verweilen können mehr sagen als die nächste große Spirale. Den ganzen Körper einzubeziehen bedeutet nicht, ständig den ganzen Körper zu bewegen. Es bedeutet, dass der ganze Körper zuhört.
Antworten zu zweit
Das alles geschieht im Tango selten allein. Anders als der Solotänzer, der nur auf sich und die Musik hört, antworten im Neo Tango zwei Menschen gleichzeitig auf denselben Klang. Dabei geschieht etwas Feines: Nicht nur ich antworte auf die Musik, und nicht nur du. Wir beeinflussen gegenseitig, was wir überhaupt in der Musik hören.
Die Musik wird so zu einer gemeinsamen dritten Stimme. Wir hören beide dieselbe Dehnung, dieselbe Fläche, denselben Bruch, und deine Antwort darauf verändert, wie ich den nächsten Klang wahrnehme. Aus diesem Hin und Her entsteht ein Tanz, den keiner von uns allein so gefunden hätte.
Wie man das übt
Dieser Zugang verändert auch das Lernen. Inspiration und Technik bleiben wichtig, aber an die Stelle des bloßen Nachmachens tritt zunehmend das eigene Erkunden: Was löst dieser Klang gerade in meinem Körper aus? Drei kleine Experimente dafür:
Einen Klang verfolgen. Nicht die ganze Musik tanzen, sondern einmal nur Bass, Stimme, Fläche oder Stille auswählen und beobachten, was dieser eine Klang körperlich auslöst.
Weniger tun. Eine Passage bewusst mit sehr wenig Bewegung tanzen, nicht nach der nächsten Figur suchen, sondern wahrnehmen, wann tatsächlich ein Bewegungsimpuls entsteht.
Allein erkunden. Gelegentlich ohne Partner und ohne Spiegel tanzen, um herauszufinden, welche Bewegungsantworten wirklich aus dem eigenen Körper kommen.
Auch andere Bewegungsformen können dafür wertvolle Impulse geben. Kontaktimprovisation und zeitgenössischer Tanz schulen Wahrnehmung, Gewicht, Ganzkörperbewegung und das Reagieren im Moment. Nicht alles davon gehört in den Tango, aber manches kann die eigene Bewegungswelt erheblich erweitern.
Sich die Erlaubnis geben
Der Neo Tango wird manchmal belächelt, als sei er nur Tango zu moderner Musik, ein bisschen beliebig, ein bisschen freistilig. Ich sehe darin etwas anderes, und ich sage das mit aller Vorsicht, weil es meine persönliche Sicht ist und nicht die letzte Wahrheit über den Tango. Für mich ist der Neo Tango eine Einladung, den ganzen Körper in die Musik zu geben und sich dabei mehr zu erlauben, als der vertraute Rahmen sonst zulässt.
Das ist schwerer, als es klingt, weil es kein Geländer mehr gibt und man selbst für die eigene Bewegung geradestehen muss. Aber die Musik gibt es ja her. Sie stellt eine Frage, und der Körper darf antworten, mit allem, was er hat, und manchmal auch mit Stille. Die stimmigste Antwort ist die, die genau in diesem Moment, zu diesem Klang und zwischen diesen beiden Menschen entstehen konnte. Vielleicht ist genau das die Freiheit, die der Neo Tango meint.
Weiterführende Quellen und Inspirationen
Zum Ausdruckstanz und den Grundgedanken von Rudolf von Laban und Mary Wigman: der Überblicksartikel „Ausdruckstanz“ auf de.wikipedia.org als Einstieg, mit Verweisen auf Labans und Wigmans eigene Schriften zur Bewegung aus der Körpermitte.
Zur körperlichen Organisation aus der Mitte: die Spiraldynamik®, ein anatomisch fundiertes Bewegungskonzept. Mehr dazu auf spiraldynamik.com.
Zur Ganzkörper-Wahrnehmung und zum Reagieren im Moment: die Contact Improvisation, in den 1970er Jahren von Steve Paxton entwickelt, als Bewegungsform, die mit Gewicht, Schwerkraft und Kontakt arbeitet.
