Präsenz und Hingabe – aus Routine mach Dabeisein

Es gibt Tänze, die man tanzt, und Tänze, die einen tanzen. Von außen sehen sie oft gleich aus, dieselben Schritte, dieselbe Musik, dieselbe ordentliche Haltung. Und trotzdem sind es zwei völlig verschiedene Dinge. Der eine wird „abgearbeitet“. Der andere passiert wirklich.

Was diesen Unterschied ausmacht, lässt sich überraschend genau benennen. Es sind zwei Zutaten, und das Spannende ist: Sie werden ständig verwechselt oder in einen Topf geworfen, dabei sind sie zwei paar Schuhe. Die eine heißt Präsenz. Die andere heißt Hingabe. Man kann die eine haben und die andere nicht, und erst zusammen ergeben sie den Tanz, der einen noch tagelang begleitet.

Der Autopilot tanzt mit, aber er ist nicht ganz dabei

Fangen wir mit dem an, was Präsenz verhindert. Und das ist selten böser Wille, sondern fast immer der eigene Kopf, der einfach nicht stillsitzen kann. Kaum läuft die Musik, ist er manchmal schon woanders. Bei der E-Mail von heute Nachmittag. Bei der Frage, ob man später noch etwas essen geht. Bei der leisen Sorge, ob man selbst gerade gut genug tanzt.

Und dafür kann man erst mal nichts. So arbeitet das Gehirn nun mal: Es plant, bewertet, schweift ab, am liebsten alles gleichzeitig. Beim Zähneputzen und Treppensteigen ist das praktisch, da darf der Kopf ruhig spazieren gehen. Beim Tango ist es ein bisschen schade, denn während er spazieren geht, findet der schönste Teil ohne ihn statt. Der Körper ist da, die Aufmerksamkeit ist es nicht.

Präsenz: ganz hier sein

Präsenz ist schlicht das Gegenteil des abschweifenden Kopfes. Meine Aufmerksamkeit ist da, wo ich gerade bin, und zwar mit allem: bei diesem Schritt, dieser Musik, diesem Menschen, diesem Moment. Nicht drei Schritte weiter, nicht im letzten Fehler, nicht bei der Frage, wie das Ganze von außen wohl aussieht.

Der Körper ist dabei der einfachste Einstieg. Er ist immer im Jetzt, er kann gar nicht anders, und deshalb ist er der zuverlässigste Anker, wenn die Gedanken abdriften. Ich spüre mein Gewicht, meinen Kontakt zum Boden, die Umarmung, und schon bin ich zurück. Von dort weitet sich die Aufmerksamkeit fast von allein: erst der eigene Körper, dann das Gegenüber, dann die Musik, dann der ganze Moment.

Das klingt simpel und ist erstaunlich schwer, weil der Kopf ständig woandershin will. Präsenz ist deshalb weniger eine Fähigkeit als eine Entscheidung, die man immer wieder neu trifft. Der Kopf wandert weg, man holt ihn zurück. Er wandert wieder weg, man holt ihn wieder zurück. Genau das ist die Übung. Nicht, den Geist stillzustellen, sondern ihn freundlich immer wieder zurückzubringen.

Präsenz allein ist schon viel, und ehrlich gesagt schaffen wir sie selten über einen ganzen Tanz. Aber selbst wenn sie da ist, fehlt manchmal noch etwas. Denn man kann hellwach präsent sein und sich trotzdem von nichts berühren lassen.

Hingabe: sich auch berühren lassen

Das ist der Punkt, an dem die zweite Zutat ins Spiel kommt, und sie ist die subtilere, verletzlichere. Präsenz heißt wahrnehmen. Hingabe heißt, sich von dem, was man wahrnimmt, auch berühren zu lassen.

Stell dir jemanden vor, der mit voller Aufmerksamkeit tanzt. Er registriert jeden Akzent, spürt jede Bewegung des Partners, ist hundertprozentig da. Und bleibt dabei innerlich mit verschränkten Armen stehen. Er nimmt alles wahr, aber nichts geht ihm nahe. Das ist Präsenz ohne Hingabe: ein aufmerksamer Beobachter, der zusieht, statt sich einzulassen. Technisch oft tadellos. Und trotzdem seltsam kühl.

Hingabe ist der Moment, in dem ich die Kontrolle ein Stück weit loslasse. In dem die traurige Melodie nicht nur in meinem Ohr ankommt, sondern in meiner Haltung etwas verändert. In dem ich mich von der Musik, vom anderen, vom Augenblick bewegen lasse, statt bloß Bewegungen zu produzieren. Das ist verletzlicher, als es klingt, denn sich einlassen heißt auch, kurz nicht mehr Herr der Lage zu sein. Vielleicht ist das der Grund, warum Präsenz zwar anstrengend, aber machbar ist, und Hingabe die eigentliche Mutprobe.

Der feine Unterschied: Präsenz kann ich mir vornehmen. Hingabe kann ich nur erlauben.

Zwei Zutaten, vier Möglichkeiten

Wenn man Präsenz und Hingabe als zwei Regler denkt, die man jeweils an- oder ausschalten kann, ergeben sich vier Kombinationen. Und ehrlich gesagt hat jeder von uns alle vier schon getanzt.

Beides aus: der abgetanzte Tango. Der Kopf ist woanders, das Herz zu. Man kommt durchs Stück, mehr passiert nicht.

Nur Hingabe, keine Präsenz: der schwelgende Tänzer. Er versinkt ganz in seinem Gefühl, vergisst dabei aber, dass da noch ein zweiter Mensch ist. Sehr innig, nur leider vor allem mit sich selbst.

Nur Präsenz, keine Hingabe: der wache Techniker. Alles unter Kontrolle, alles registriert, und trotzdem bleibt eine Glasscheibe zwischen ihm und dem Moment.

Beides an: ganz da und ganz offen. Das ist der Tanz, von dem man hinterher nicht recht sagen kann, was eigentlich passiert ist, nur dass man für ein paar Minuten wirklich woanders war. Und meist braucht es dafür nicht eine einzige besondere Figur.

Man spürt es. Ohne ein Wort.

Das Verräterische an beidem ist, dass es sich nicht vortäuschen lässt. Man spürt sofort, ob das Gegenüber wirklich da ist oder nur den Ablauf abspult. Und ob es sich einlässt oder sich hinter der Technik versteckt. Das Gegenüber spürt dasselbe bei einem selbst, oft schon nach wenigen Schritten und ohne dass ein Wort fällt.

Deshalb sind Präsenz und Hingabe keine Kür für Fortgeschrittene, die man irgendwann nach den Ganchos noch dazulernt. Sie sind das, was aus korrekt gesetzten Schritten überhaupt erst einen Tanz macht.

Kann man Präsenz und Hingabe lernen?

Die naheliegende Frage ist: Lässt sich das üben, oder hat man es oder eben nicht? Da muss man die beiden auseinanderhalten, denn sie lernen sich völlig unterschiedlich.

Präsenz ist tatsächlich Übungssache, und zwar eine ziemlich unglamouröse. Man wird nicht dadurch präsent, dass man es sich fest genug vornimmt, sondern dadurch, dass man tausendmal abschweift und tausendmal zurückkommt. Genau das ist das Training. Jedes Zurückholen ist eine Wiederholung, wie eine Kniebeuge für die Aufmerksamkeit. Mit der Zeit wird die Pause zwischen Abschweifen und Bemerken kürzer, und man ist öfter da.

Hingabe lässt sich so nicht trainieren, und wer es versucht, erreicht das Gegenteil. Man kann sich nicht zum Loslassen zwingen, das ist ungefähr so aussichtsreich wie der Versuch, auf Kommando einzuschlafen. Was man aber kann, ist den Boden dafür bereiten. Hingabe braucht Sicherheit. Je wohler ich mich in meinem eigenen Körper fühle, je mehr ich meinem Gegenüber vertraue, je weniger ich Angst habe, etwas falsch zu machen, desto eher stellt sie sich von selbst ein. Man lernt Hingabe also nicht direkt. Man lernt all das, was sie möglich macht, und irgendwann ist sie einfach da.

Das ist übrigens eine gute Nachricht. Es heißt, dass niemand dafür ein besonderes Talent braucht. Präsenz ist Übung, und Hingabe ist Vertrauen. Beides wächst.

Weiterführende Quellen und Inspirationen

Dimitris Bronowski, „Tangofulness“ (2021) – verbindet Achtsamkeit, Atem und Tango und beschreibt, wie Präsenz und bewusstes Atmen das Tanzen und die Begegnung auf der Milonga verändern.

tangovida.de – Beschreibt in mehreren Texten das „Hinspüren“, die Achtsamkeit beim Gehen und in der Führung sowie die synchrone Verbindung, bei der ein Impuls von beiden gleichzeitig erlebt wird.