Was bei mir liegt: Führen heißt loslassen
Teil I von III einer kleinen Reihe über Stoizismus auf der Tanzfläche. Weiter mit Teil II: Erst spüren, dann urteilen und Teil III: Jetzt. Nicht gleich. Jetzt.
Ein alter Gedanke, neu auf der Tanzfläche
Neulich saß ich mal wieder über meinen Stoikern. Epiktet, Seneca, Marc Aurel. Männer, die vor zweitausend Jahren darüber nachdachten, wie man mit dem Leben klarkommt, ohne ständig durchzudrehen. Und je länger ich las, desto öfter dachte ich: Das kenne ich doch. Nicht aus dem Seminarraum, sondern von der Tanzfläche.
Epiktet hatte einen Gedanken, der so simpel ist, dass man ihn gern unterschätzt: Kümmere dich um das, was in deiner Macht steht. Und lass den Rest in Ruhe. Klingt nach Kalenderspruch. Ist aber auf der Tanzfläche schwitzende Realität.
Was bei mir liegt – und was nicht
Was steht in meiner Macht? Eine ganze Menge. Wie ich stehe. Wo mein Gewicht ist. Ob und wie tief ich atme oder aus lauter Konzentration die Luft anhalte. Ob ich meinem Gegenüber Zeit gebe oder es durch die Figur schiebe wie einen Einkaufswagen. Das alles liegt bei mir.
Was nicht in meiner Macht steht: der andere Mensch. Der bringt seinen eigenen Körper mit, seine Gewohnheiten, seine Tagesform und manchmal eine klare Vorstellung davon, was da gerade passieren sollte. Ich kann ihn beeinflussen, aber nur indirekt, über das, was ich selbst anbiete. Was in diesem Anbieten steckt, habe ich in Deine Intention tanzt schon, bevor du dich bewegst beschrieben. Was mein Gegenüber daraus macht, bleibt offen.
Und das ist keine Schwäche der Führung, sondern ihre eigentliche Natur. Wer glaubt, Führen heiße, den anderen wie eine Marionette durch eine Choreografie zu steuern, hat den Tanz nie von innen erlebt. Ich schlage etwas vor. Mehr kann ich nicht. Der Rest ist eine Antwort, die ich nicht in der Hand habe und gerade deshalb interessant ist.
Der Moment der Wahl
Und dann passiert das, was jeder kennt, der schon mal geführt hat: Ich mache eine Bewegung, die letzte Woche mit jemand anderem wunderbar funktioniert hat, und diesmal kommt etwas völlig anderes heraus. Die Figur, die in meinem Kopf so elegant aussah, sieht in echt aus wie ein Missverständnis mit Beinen.
Jetzt habe ich die Wahl. Ich kann härter führen, die Bewegung mit Muskelkraft durchsetzen, mich ärgern, dass mein Impuls nicht verstanden wurde. Ich kann die nächsten drei Minuten gegen einen Menschen tanzen statt mit ihm. Oder ich frage mich einfach: Was kann ich gerade ändern?
Die stoische Pointe steckt in dieser einen Frage. Denn sie richtet den Blick weg von dem, was ich nicht ändern kann. Den anderen, die Vergangenheit, den bereits missglückten Schritt und hin zu dem einzigen Punkt, an dem ich tatsächlich etwas bewegen kann: mir selbst.
Führen heißt nicht festhalten
Die Antwort ist fast nie „den anderen“. Sie ist meistens: mich. Vielleicht werde ich langsamer. Vielleicht wird mein Impuls kleiner und klarer. Vielleicht lasse ich die geplante Figur fallen und nehme das, was gerade zwischen uns entstanden ist.
Denn Führen heißt eben nicht festhalten. Das ist der Denkfehler, dem ich lange aufgesessen bin. Ich dachte, gut führen heißt: alles unter Kontrolle haben, jede Figur durchziehen, nie abweichen. In Wahrheit heißt Führen oft das Gegenteil. Manchmal heißt Führen: rechtzeitig loslassen.
Wohin die Energie geht
Das ist keine Kapitulation, auch wenn es sich anfangs so anfühlt. Es ist eine Verlagerung der Energie. Solange ich gegen das Unvermeidliche gegen den Körper des anderen kämpfe, gegen die Physik, gegen den Moment, verpulvere ich meine Kraft an einen Punkt, den ich nicht gewinnen kann. In dem Augenblick, in dem ich loslasse, wird diese Energie frei. Und plötzlich habe ich Aufmerksamkeit übrig für das, was wirklich passiert.
Man kann das fast messen. Ein verkrampfte Schulter (ausgehend von dem Brustbereich), die eine Bewegung erzwingen will, spürt vom anderen nichts mehr. Er ist zu sehr mit dem eigenen Wollen beschäftigt. Ein gelöste Schulter, die führt und zugleich horcht, nimmt jede kleinste Reaktion wahr und kann darauf eingehen. Dieselbe Kraft, nur anders eingesetzt: einmal gegen den Moment, einmal mit ihm.
Man merkt den Unterschied sofort. Ein Tanz, in dem einer seine Choreografie durchdrückt, fühlt sich an wie Möbelrücken. Ein Tanz, in dem einer führt und gleichzeitig loslässt, fühlt sich an wie ein Gespräch. Mehr dazu, was aus zwei Tanzenden ein echtes Miteinander macht, in Gemeinsam tanzen. Nicht nur zusammen.
Also: Kümmere dich um deinen Stand, deinen Atem, deine Intention, deinen Impuls. Und lass den Rest in Ruhe. Das ist der erste Schritt. Zu klären, was überhaupt bei mir liegt. Was ich dann mit dem anfange, was tatsächlich geschieht, ist eine andere Frage. Um die geht es in Teil II.
Weiterführende Quellen und Inspirationen
Epiktet, Handbüchlein der Moral – dünn, uralt und trotzdem erstaunlich frech. Gleich der erste Satz dreht sich um die Frage, die diesen Text trägt: Was liegt bei mir, was nicht?
William B. Irvine, Die Kunst des guten Lebens – Stoizismus für heute, ohne Toga und erhobenen Zeigefinger.
