Stoizismus beim Tango (Teil II)

Erst spüren, dann urteilen

Teil II von III. Zurück zu Teil I: Führen heißt loslassen, weiter zu Teil III: Jetzt. Nicht gleich. Jetzt.

Wie schnell wir bewerten

Wir Menschen sind wahnsinnig schnell im Bewerten. Auf der Tanzfläche ganz besonders. Eine Bewegung läuft anders als gedacht, und schon rattert im Kopf die Geschichte los. Der andere hat mich nicht verstanden. Meine Führung war schlecht. Wir passen nicht zusammen. In drei Sekunden habe ich eine komplette Beziehungsanalyse fertig.

Das Tückische daran: Diese Geschichte fühlt sich nicht wie eine Geschichte an. Sie fühlt sich wie die Wahrheit an. Als hätte ich gerade objektiv festgestellt, was Sache ist. Dabei habe ich in Wirklichkeit nur einen einzigen unklaren Moment genommen und blitzschnell mit Bedeutung vollgepackt.

Nicht der Schritt, sondern die Geschichte

Hier hatten die Stoiker den entscheidenden Hinweis parat. Epiktet sagt sinngemäß: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Urteile über die Dinge. Das kann man auf der Milonga live beobachten. Nicht der missglückte Schritt bringt mich aus dem Gleichgewicht. Sondern die kleine Geschichte, die ich mir sofort darüber erzähle.

Denn was ist meistens wirklich passiert? Etwas herrlich Banales: Zwei Menschen haben einen Impuls unterschiedlich wahrgenommen. Das ist keine Tragödie. Das ist Dienstag.

Der Blick nach innen

Man kann das ausprobieren. Wenn eine Bewegung anders läuft als geplant, verkneife ich mir für einen Moment das Urteil und schaue nach innen. Wo stehe ich gerade? Wo ist mein Gewicht – mittig oder schon halb beim nächsten Schritt? Wie viel Spannung habe ich? Und, die ehrlichste Frage: War mein Impuls überhaupt so klar, wie ich dachte?

Und siehe da. Oft war ich selbst längst beim nächsten Schritt, während ich vom anderen erwartete, den jetzigen zu tanzen. Oder meine Achse war wackeliger als gedacht. Oder ich habe schlicht keine Zeit gelassen.

Aus dem Fehler wird eine Information

In diesem Moment passiert etwas Wunderbares. Aus dem „Fehler“ wird eine Information. Und das verändert alles.

Ein Fehler ist etwas, wofür man jemanden verantwortlich machen muss. Meistens sich selbst, was direkt in die schlechte Laune führt. Eine Information ist etwas, mit dem man arbeiten kann. Der Unterschied klingt nach Wortklauberei, ist aber der ganze Unterschied zwischen einem Abend, an dem man verkrampft, und einem, an dem man lernt.

Und noch etwas verändert sich: Mein Gegenüber ist plötzlich kein Ausführungsgehilfe meiner Choreografie mehr, sondern ein Mitgestalter. Was da entsteht, war nicht mein Plan, aber vielleicht besser als mein Plan. Aus dem Missverständnis mit Beinen wird manchmal die schönste Figur oder Moment des Abends, gerade weil keiner sie geplant hat.

Übung, in jedem Musikstück

Diese kleine Pause zwischen Wahrnehmung und Urteil ist trainierbar. Ein Schritt geht daneben, Pause, hinschauen, weitertanzen. Kein Drama, keine Analyse, nur ein kurzer Blick auf das, was tatsächlich ist. Je öfter ich das mache, desto selbstverständlicher wird es, bis die Pause irgendwann von allein kommt, noch bevor die Geschichte im Kopf loslegen kann.

Wenn es die Tanzfläche verlässt

Und irgendwann sickert das nach oben in den Alltag. Der Kollege antwortet knapp auf meine Mail. Früher hätte ich sofort die Geschichte gebaut: Der ist sauer, ich habe etwas falsch gemacht, jetzt ist das Verhältnis vergiftet. Neuerdings mache ich stattdessen die kleine Pause und schaue hin. Vielleicht saß er einfach zwischen zwei Terminen und hat schnell getippt. Vielleicht hat es mit mir gar nichts zu tun.

Das ist dieselbe Bewegung wie auf der Tanzfläche, nur ohne Musik. Erst spüren, was wirklich da ist. Dann, wenn überhaupt, urteilen. Das ist keine Tragödie. Das ist Dienstag.

Erst spüren, dann urteilen. In dieser Reihenfolge. Damit das gelingt, braucht es allerdings eine Voraussetzung, über die wir bisher nur nebenbei gesprochen haben: dass ich im Moment auch wirklich anwesend bin. Darum geht es in Teil 3.

Weiterführende Quellen und Inspirationen

Epiktet, Handbüchlein der Moral – dünn, uralt und trotzdem erstaunlich frech. Gleich der erste Satz dreht sich um die Frage, die diesen Text trägt: Was liegt bei mir, was nicht?

William B. Irvine, Die Kunst des guten Lebens – Stoizismus für heute, ohne Toga und erhobenen Zeigefinger.