Kennst du dieses Gefühl, etwas verstanden zu haben und es trotzdem nicht zu können? Du siehst den Schritt, du begreifst ihn, du könntest ihn sogar erklären. Und dann macht dein Körper etwas völlig anderes. Beim Tango passiert das ständig, und ich glaube, hier liegt ein wichtiger Grund, warum das Lernen so oft hakt.
Der Wunsch, der sich selbst im Weg steht
Wir wollen es richtig machen. Vom ersten Schritt an. Wir kommen in den Kurs mit dem Wunsch, keinen Fehler zu machen, gut auszusehen, dem anderen nichts zuzumuten. Das ist verständlich, denn niemand steht gern unbeholfen vor anderen. Und trotzdem stellt sich genau dieser Wunsch uns in den Weg.
Solange ich darauf achte, ob mein Fuß richtig steht, bin ich mit dem Bewerten beschäftigt und weniger mit dem Tanzen. Ich bin dann mein eigener strenger Zuschauer, und dieser Zuschauer nimmt so viel Platz ein, dass für den Tanz kaum noch Raum bleibt. Das Bemühen, es richtig zu machen, verhindert oft genau das, worum es geht.
Die Stimme im Kopf
Ich kenne das von innen. Bei mir saß früher ein kleiner Kommentator im Kopf, der lief bei jedem Schritt mit. Zu steif. Falscher Fuß. Die anderen können das längst. Er war unermüdlich und selten zufrieden, und er machte alles schwerer, weil ich mehr mit meinem Versagen beschäftigt war als mit der Musik.
Vielleicht kennst du diese Stimme. Fast jeder, der als Erwachsener etwas mit dem Körper lernt, bringt sie mit. Wir haben uns angewöhnt, uns ständig selbst zu beobachten und zu benoten, und der Tango holt diese Gewohnheit schnell ans Licht.
Warum mehr Anstrengung wenig hilft
Das Tückische ist, dass die naheliegende Lösung meist falsch ist. Wenn ein Schritt nicht klappt, strengt man sich mehr an. Mehr Kraft, mehr Konzentration, mehr Wille. Und es wird schlechter. Der Körper macht unter Druck dicht, die Bewegung verliert ihren Fluss, und am Ende steht man steifer da als vorher.
Irgendwann sagte mir jemand einen Satz, den ich zunächst für Unsinn hielt: Streng dich weniger an, dann geht es besser. Das klang nach billiger Küchenweisheit. Es stimmte trotzdem. Sobald ich aufhörte, einen Schritt zu erzwingen, fand mein Körper oft von allein hinein. Bewegung will fließen, und Druck schneidet genau diesen Fluss ab.
Der Abend, an dem ich zu müde zum Kämpfen war
Es gab einen Abend, an dem ich das zum ersten Mal wirklich erlebt habe. Ich war müde, ausgelaugt, hatte keine Kraft mehr für meinen inneren Kritiker. Also tanzte ich einfach, so gut es eben ging, mit dem stillen Gedanken, wenn es hässlich wird, wird es eben hässlich.
Es wurde einer der schönsten Tänze, an die ich mich erinnere. Der sauberste war er sicher nicht. Aber der erste, bei dem ich ganz da war, statt mich selbst zu beobachten. Der Kritiker hatte Feierabend, und plötzlich war Platz für den Tanz. Diese eine Erfahrung hat mir mehr gezeigt als monatelanges Üben, weil sie mir vor Augen führte, was möglich ist, sobald das Bewerten aufhört.
Ein Raum, in dem man schlecht tanzen darf
Seitdem weiß ich, was ich in meinen privaten Tangostunden und Kursen eigentlich anbiete. Es ist ein Raum, in dem man schlecht tanzen darf. In dem ein Fehler kein Malheur ist, sondern der normale Weg, auf dem der Körper etwas begreift. Ich sage den Leuten oft, dass Stolpern dazugehört und sogar ein gutes Zeichen sein kann, weil es heißt, dass sie etwas Neues wagen.
Wer Angst vor Fehlern hat, bleibt im Kopf, und im Kopf tanzt es sich schlecht. Diese Erlaubnis, unfertig sein zu dürfen, ist oft das Erste, was Menschen bei mir lernen, und für viele das Schwerste. Wir sind so daran gewöhnt, uns anzustrengen, dass Loslassen sich zunächst wie Faulheit anfühlt, obwohl es das Gegenteil ist.
Der alte Bekannte
Der Kritiker in meinem Kopf ist übrigens nicht verschwunden. Er meldet sich noch, in unsicheren Momenten, wenn ich müde bin oder mir etwas besonders gut gelingen soll. Aber ich höre ihm nur noch kurz zu, so wie man einem alten Bekannten zuhört, der es gut meint und oft danebenliegt.
Ich nicke, bedanke mich innerlich und tanze weiter. Meistens merke ich schon nach ein paar Schritten, dass es ohne sein ständiges Kommentieren leichter geht. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst beim Tango, und nicht nur beim Tango: den strengen Zuschauer im eigenen Kopf freundlich sitzen zu lassen und trotzdem einfach zu tanzen.
