Was Tango, Neo Tango und Spiraldynamik® verbindet

Auf den ersten Blick gehören die drei nicht an denselben Tisch. Der traditionelle Tango, über hundert Jahre alt, mit Orchestern, Codes und ernstem Blick. Der Neo Tango, jung, offen, ein bisschen aufmüpfig. Und die Spiraldynamik®, die überhaupt kein Tanz ist, sondern ein anatomisches Konzept darüber, wie sich ein Körper eigentlich bewegen möchte, wenn man ihn mal in Ruhe lässt.

Ich habe 2012 die Ausbildung Spiraldynamik® gemacht, und seither tanze und unterrichte ich anders als vorher. Denn dadruch fiel der Groschen: Diese drei so verschiedenen Welten stellen im Grunde dieselbe Frage, nur in unterschiedlichen Sprachen. Sie lautet: Wie entsteht Bewegung, die nicht gemacht, sondern lebendig ist?

Spiraldynamik® ist mehr als „einmal drehen, bitte“

Kurzer Einschub, weil hier gern ein Missverständnis herumtanzt. Spiraldynamik® taucht inzwischen öfter im Tangounterricht auf, und meistens schrumpft sie dabei auf zwei Vokabeln zusammen: Drehung und Dissoziation. Also Becken hierhin, Brustkorb dorthin, fertig ist die Ocho. Das ist nicht falsch. Es ist nur ungefähr so vollständig, wie ein Auto über die Farbe zu beschreiben.

Wer keine Ausbildung darin gemacht hat, sieht meist nur diese äußere Form, das hübsche Titelbild. Der Kern liegt tiefer. Die Spiraldynamik® wurde vom Arzt Christian Larsen und der Physiotherapeutin Yolande Deswarte begründet und versteht sich, schön unbescheiden, als eine Art Bedienungsanleitung für den Körper. Sie beschreibt, wie der ganze Körper zusammenarbeitet: wie er aus seiner Mitte Halt findet, wie sich eine Bewegung durch ihn hindurch fortpflanzt, wie aus Struktur Bewegung wird, ohne dass man nachhelfen muss.

Zwei Grundprinzipien stecken dahinter. Das Spiralprinzip für die Bewegung und das Polprinzip für die Aufrichtung. Und spätestens beim zweiten müsste jeder Tangotanzende hellhörig werden, denn die Aufrichtung ist nichts anderes als das, was wir im Tango ehrfürchtig „die Achse“ nennen. Spiraldynamik® ist also nicht nur die hübsche Drehung obendrauf. Sie ist auch das, was die Achse überhaupt erst trägt.

Der Körper als Zahnradwerk

Ein Bild aus der Spiraldynamik® hat mir für den Tango besonders geholfen. Der Rumpf ist eine Doppelspirale, Arme und Beine sind Einfachspiralen, und diese Spiralen greifen ineinander wie Zahnräder. Wenn sie sauber ineinanderlaufen, entsteht das, was man auf guten Tänzern sieht und bei sich selbst leider seltener spürt: Effizienz und Eleganz, ganz ohne Kraftaufwand.

Und jetzt kommt der Teil, den ich vor allem aus jahrelanger Praxis gelernt habe und der in keinem Figurenkatalog steht. Beweglichkeit kommt nicht nur aus Muskeln und Gelenken. Sie hat genauso mit dem Nervensystem und dem Kopf zu tun. Durch den ganzen Körper ziehen Nervenstränge, und die haben ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, wie viel Freiheit in einer Bewegung überhaupt drin ist.

Ein Beispiel, das jeder kennt: Stell dich mit geschlossenen Augen an eine Wand und dreh dich entspannt ein Stück im Oberkörper. Geht meistens erstaunlich weit. Jetzt stell dir dieselbe Drehung vor, aber du stehst auf einem schmalen Steg in zehn Metern Höhe. Dieselben Muskeln, dieselben Gelenke, und trotzdem macht dein Körper plötzlich dicht. An deiner Anatomie hat sich nichts verändert. Verändert hat sich nur, wie sicher sich dein Nervensystem fühlt. Genau das passiert auch auf der Tanzfläche, nur subtiler. Ein Körper, der sich sicher fühlt, bewegt sich frei. Einer, der sich schützt, macht zu. Spannung ist eben oft keine Muskelfrage, sondern eine Frage dessen, was das Nervensystem gerade durchgehen lässt.

Deshalb ist Spiraldynamik® für mich viel mehr als eine Technik für saubere Drehungen. Sie ist ein Weg, den Körper so zu verstehen, dass Bewegung frei werden darf, körperlich und im Kopf.

Der Mensch dreht sich, seit er aufrecht geht

Es gibt einen schönen Gedanken, der die Sache nochmal erdet. Über die Evolution betrachtet haben Fische sich seitlich geschlängelt, Säugetiere sich gebeugt und gestreckt, und der Mensch hat die Drehung dazugewonnen. Beim Gehen rotiert unsere Wirbelsäule abwechselnd nach links und nach rechts, ganz von selbst, ununterbrochen.

Das heißt: Die Drehung im Tango ist keine exotische Tanzakrobatik. Sie ist schlicht das, was jeder Mensch bei jedem Schritt ohnehin tut, nur meist unbemerkt. Der Tango macht bloß sichtbar und spürbar, was längst in uns angelegt ist. Die Ocho, benannt nach der Acht, ist eine Drehung aus der Mitte. Der Giro lebt von der Spannung zwischen Becken und Brustkorb. Und das Gehen, wenn es gut läuft, ist keine Perlenkette einzelner Schritte, sondern ein ständiges Verschrauben und Wieder-Lösen. Der Tango hat das über Jahrzehnte intuitiv entwickelt, lange bevor irgendwer es anatomisch erklären konnte. Die Spiraldynamik® beschreibt exakt dieselben Formen, nur von der anderen Seite.

Struktur ist nur der Rahmen, nicht das Bild

Und hier gesellt sich der Neo Tango dazu, denn er teilt mit den beiden anderen eine Grundhaltung: Struktur ist nur der Rahmen. Das Eigentliche passiert darin, nicht daran.

Im traditionellen Tango ist dieser Rahmen klar. Ein deutlicher Puls, wiederkehrende Phrasen, etwas, an dem man sich festhalten kann. Im Neo Tango wird er löchriger. Die Musik trägt nicht mehr von allein, es gibt Flächen, Brüche, Stille, und statt festgezurrter Schrittfolgen kommen Drehungen, Spiralen, Stopps und Dehnungen. Man muss mehr aus dem hören, was gerade wirklich passiert.

So verschieden das klingt, die Bewegung dahinter ist dieselbe. Ob mein Körper einem treibenden Puls folgt oder einer elektronischen Klangwolke, er löst die Aufgabe auf demselben Weg: aus der Achse, aus der Mitte, in Spiralen. Die Spiraldynamik® ist die Konstante unter beiden. Sie fragt nicht, ob die Musik von 1940 oder von letzter Woche ist. Sie fragt nur, ob die Bewegung natürlich entsteht oder ob ich sie mir gerade mühsam zurechtbiege.

Weniger kontrollieren, mehr zulassen

Am Ende landen alle drei bei derselben Haltung, und die ist herrlich unspektakulär: weniger kontrollieren, mehr zulassen.

Die Spiraldynamik® zeigt, dass der Körper längst weiß, wie er sich bewegen will, wenn ich ihm nur nicht dauernd dazwischenrede. Der Tango zeigt, dass Verbindung entsteht, wenn ich nicht jede Figur erzwinge, sondern aufnehme, was zwischen zwei Menschen gerade passiert. Und der Neo Tango zeigt, dass man sogar ohne festes Raster tanzen kann, solange man bereit ist, zuzuhören, statt Muster abzuspulen.

Kontrolle fühlt sich sicher an, macht die Bewegung aber eng. Zulassen fühlt sich erst mal wackelig an, und genau dort wird der Tanz lebendig. Ob traditionell, modern oder rein anatomisch betrachtet: Das Schöne entsteht nicht da, wo ich etwas durchdrücke, sondern da, wo ich dem Raum gebe, was ohnehin geschehen möchte.

Vielleicht ist das der gemeinsame Kern. Drei sehr verschiedene Wege, die bei derselben leisen Einladung enden: Hör auf, die Bewegung zu machen. Lass sie entstehen.

Weiterführende Quellen und Inspirationen

spiraldynamik.com – Die offizielle Seite des Konzepts. Erklärt das Spiralprinzip als Grundlage der Bewegung und das Polprinzip als Grundlage der Aufrichtung, zeigt, wie Rumpf, Arme und Beine als ineinandergreifende Spiralen funktionieren, und ordnet die Drehung evolutionär ein (der Mensch als aufrecht gehender Kreuzgänger). Begründet wurde die Spiraldynamik® vom Arzt Christian Larsen und der Physiotherapeutin Yolande Deswarte.

tangovida.de – In verschiedenen Blogartikeln wird beschrieben, wie sich traditioneller Tango, Neo Tango und der eigene, spiraldynamisch geprägte Ansatz zueinander verhalten, was synchrone Verbindung ausmacht und wie im Neo Tango an die Stelle fester Schrittfolgen Drehungen, Spiralen, Stopps und Dehnungen treten.